Der Zuckerlprozess

Kolumne11. Juni 2014, 08:24
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Fifa-Boss Blatter wird sich wundern, eine Schadenersatzklage über 1,45 Euro steht zumindest in Raum

Man muss Herrn Joseph S. Blatter auch in Schutz nehmen. Am Verkehrschaos in Sao Paulo trägt der 78-jährige Fifa-Boss ebenso wenig Schuld wie an der zweijährigen  Dopingsperre für den österreichischen Langläufer Johannes Dürr. Das war's dann aber. Herr Blatter wird sich wundern, eine Schadenersatzklage über 1,45 Euro steht zumindest in Raum. Es könnte ein Musterprozess werden.

Die Sachverhaltsdarstellung: Beim Security-Check vor dem Pressezentrum im Maracana-Stadion wird ein arbeitender, dem Fußball durchaus zugeneigter Mann gezwungen, ein bereits aufgerissenes, aber ziemlich volles Zuckerlpackerl zu entsorgen. Es wurde in Wien gekauft, an einer Tankstelle auf der Heiligenstädter Straße, was prinzipiell wurscht ist, vor Gericht aber eine entscheidende Rolle spielen könnte. "Sicher nicht", sagte der Mann, "sicher schon", antwortete der ferngesteuerte Wichtigtuer vom Check, vermutlich ein Blatter-Jünger. Die Zuckerlmarke zählt nämlich nicht zu den Fifa-Sponsoren, man darf somit gar nicht schreiben, dass es sich um Fisherman's Friend mit Zitronengeschmack gehandelt hat. Aber dieser möglichen Gegenklage kann man laut Juristen gelassen entgegenblicken.

Es entwickelte sich jedenfalls ein Wortgefecht, der Wichtigtuer holte besser Englisch sprechende Verstärkung. "Wir müssen  unsere Sponsoren schützen, das ist Hoheitsgebiet", sagten sie im Chor. Wobei sich einige über sich selbst gewundert haben dürften. Den Witz, sie sollen stattdessen einen Kia (offizieller Autosponsor der Fifa) zum Lutschen hergeben, fanden sie zwar gar nicht so schlecht, die Zuckerln hat er aber nicht gerettet. Ab in den Mistkübel. Angebot an Blatter: Eröffnen Sie die WM feierlich, im Mai 2015 ist aber Schluss. Dem Fußball zuliebe. Die Klage wäre vom Tisch. (Christian Hackl, DER STANDARD, 11.6.2014)

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