Wulff schilt Medien und bereut Rücktritt

10. Juni 2014, 22:55
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Christian Wulff, der ehemalige deutsche Bundespräsident hat seinen Rücktritt und seinen Strafprozess in einem Buch aufgearbeitet

Es ist ein Auflauf, als käme ein leibhaftiger Bundespräsident zur Pressekonferenz. "Herr Wulff, hier bitte, einmal drehen bitte", rufen Fotografen am Dienstag, als Christian Wulff den Saal betritt, um sein Buch zu präsentieren. Wulff, der wieder frischer aussieht, lächelt geduldig und dreht sich - auch wie früher - in alle Richtungen.

"Für mich persönlich ist dieser Tag hier ein Neuanfang", sagt er. Er ist gekommen, um sein Buch vorzustellen. Ganz oben, ganz unten (C.-H.-Beck-Verlag) heißt es. Memoiren sollen es nicht sein, auch keine "Abrechnung", versichert Wulff. Er wolle einfach seine Sicht der Dinge "auf die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens" darstellen. Jene Zeit also zwischen Rücktritt im Februar 2012 bis zum Freispruch vor einigen Wochen.

Seine "Ehre" wolle er damit wieder zurückholen, erklärt er und macht kein Hehl daraus, wer sie ihm genommen habe: Die Staatsanwaltschaft Hannover in ihrem Ermittlungswahn, der schließlich 30.000 Seiten füllte, und die Medien, die sich in "Jagdfieber" total auf ihn eingeschossen hätten und niemals die Unschuldsvermutung gelten ließen.

So wie sich "Medien und Justiz die Bälle zugespielt haben", sei das eine "ernstzunehmende Gefahr für die Demokratie". Er sagt auch: "Mir ist mehr Unrecht getan worden, als ich je Unrecht getan habe." Besonders hart geht er mit der Bild-Zeitung ins Gericht. "Ganz unten" sei er gewesen, als diese in die "unterste Schublade" gegriffen habe, sagt Wulff. Wie sehr er immer noch getroffen ist, merkt man, als ihm entfährt, was die Springer-Gazette über ihn geschrieben habe: "Dummes Zeug".

Ratschläge an Bild-Reporter

Einem Bild-Journalisten rät er dann auch noch, das Buch zu lesen: "Vielleicht bringt es Sie zum Nachdenken, für welche Zeitung Sie arbeiten." Bei aller verständlichen Wut, in dem Moment ist die Peinlichkeit im Raum mit Händen zu greifen. Mehr als zwei Jahre nach seinem Abgang ist Wulff überzeugt: "Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre auch heute der Richtige in dem Amt."

Immerhin nennt er auch ein paar Fehler, die er selbst gemacht habe. Es wäre besser gewesen, "Distanz zu wahren", keine Urlaube bei befreundeten Unternehmern anzunehmen und auch nicht Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit einem Anruf auf dessen Mailbox zu drohen.

Dennoch will Wulff sein Buch nicht als Gegenangriff auf die Medien verstehen. Vielmehr soll es folgenden Zweck erfüllen: "Ich möchte wieder ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft sein."

Doch auch im Buch kommt immer wieder der Frust durch. "Die Jagd" und "Die letzte Kugel" nennt er die entscheidenden Kapitel und beschreibt in diesen seitenlang den aus seiner Sicht "kollektiven Wutrausch" der Bild -Zeitung.

Rosen streut er im Nachhinein hingegen Kanzlerin Angela Merkel. Diese habe zu ihm gehalten, ihn in der schweren Zeit vor dem Rücktritt auch privat besucht. Man sei aber einig gewesen, dies geheim zu halten. Sonst hätten die Medien gleich geschrieben: "Merkel drängt Wulff zum Rücktritt." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 11.6.2014)

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