Reuven Rivlin: Politischer Gentleman der alten Schule

Kopf des Tages10. Juni 2014, 21:07
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Der konservative Likud-Politiker ist neuer Präsident Israels

"Shalom aus Jerusalem, der ewigen Hauptstadt Israels." Mit diesen Worten pflegt sich Reuven Rivlin immer zu melden, wenn er live im Radio interviewt wird. Rivlin, den alle nur "Rubi" nennen, unterstreicht damit seine emotionale und politische Verbundenheit mit Jerusalem und dem Boden des Landes.

Er ist stolz darauf, einer Familie anzugehören, die schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Jerusalem ansässig ist. Mit territorialen Konzessionen an die Palästinenser kann er sich nicht anfreunden. Als sich der damalige Likud-Chef Ariel Scharon ab 2004 für einen Rückzug aus dem Gazastreifen starkmachte, hielt Rivlin mit aller Macht dagegen. Bei der Wahl des neuen israelischen Staatspräsidenten am Dienstag wurde Rivlin vor allem von den Mandataren des nationalen Lagers als ihr Kandidat gesehen.

Zugleich gilt Rivlin als Gentlemanpolitiker der alten Schule, der fair zu Rivalen und zu Parteien ist, die Minderheiten vertreten. Sogar Abgeordnete der Arbeiterpartei erklärten offen, dass sie Rivlin unterstützen würden, weil sie in ihm einen "wahren Demokraten" sähen, der Israel nach außen hin gut vertreten könnte.

Mit der Unterstützung Rivlins wollten aber manche auch einfach nur Premier Benjamin Netanjahu eines auswischen, der mit Rivlin überhaupt nicht kann. Rivlin missbilligt etwa Netanjahus Verhandlungen mit den Palästinensern. Völlig zerschlagen war das Porzellan, als Netanjahu nach den Wahlen Anfang 2013 Rivlin nicht wieder zum Parlamentspräsidenten machte.

Nun wird spekuliert, dass Netanjahu nach den nächsten Wahlen zittern muss, falls es einen knappen Ausgang gibt - im Spielchen "Rubi gegen Bibi" könnte es Präsident Rivlin Netanjahu heimzahlen, indem er ihn beim Auftrag zur Regierungsbildung zappeln lässt.

Der 1939 in Jerusalem geborene Rivlin studierte Jus an der Hebräischen Universität Jerusalem. Bis auf eine Legislaturperiode in den 1990er-Jahren sitzt er seit 1988 in der Knesset und ist damit einer der längstdienenden israelischen Abgeordneten. 2001 bis 2003 war er unter Ariel Scharon Kommunikationsminister, danach bis 2013 ein temperamentvoller Parlamentsvorsitzender.

Schon 2007 hatte er sich um das Amt des Staatspräsidenten beworben, unterlag aber dem nun scheidenden Schimon Peres. Applaus von allen Seiten bekam Rivlin damals, als er angesichts des deutlichen Vorsprungs von Peres ritterlich auf eine Stichwahl verzichtete. (Ben Segenreich, DER STANDARD, 11.6.2014)

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    foto: ap/balilty
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