Einladung zum Bürgerkrieg

Kommentar10. Juni 2014, 18:54
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Die radikale Isis im Irak nützt sunnitische Ressentiments gegen Premier Maliki aus

Der Vormarsch der jihadistischen Gruppe Isis im Irak war in den vergangenen Monaten kaum eine Schlagzeile wert: Der "Islamische Staat im Irak und in Syrien" - genauer gesagt in "Sham", was man als Großsyrien oder Levante übersetzen könnte - kontrolliert bereits seit Jahresbeginn Teile der Provinz Anbar, mit der Stadt Falluja. Die ist seitdem so etwas wie ein Niemandsland, auch für die irakische Regierung.

Die Isis hatte jedoch nie vor, sich damit zu begnügen: Es gab systematische Vorstöße - meist gefolgt von schnellen Rückzügen - in andere Provinzen, etwa Anfang April bis nach Abu Ghraib buchstäblich vor die Tore Bagdads. Vor dem jüngsten Einfall in Mossul (Provinz Niniveh) besetzte die Isis Teile von Samarra (Provinz Salahuddin), und in der Provinz Diyala, wo Isis-Führer Abu Bakr al-Baghdadi seine Stammeswurzeln haben dürfte, hat die Isis bereits die Wiedererrichtung ihres "Emirates" verkündet.

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob die Nachfolgeorganisation der Al-Kaida im Irak (Aqi) in ihrem Herkunftsland auch deshalb wieder aktiver würde, weil sie in Syrien zunehmend unter Druck von anderen Rebellengruppen geriet. Aber die Illusion, sie würde wenigstens aus dem syrischen Bürgerkrieg vertrieben werden, in dem sie nach ein paar ruhigen Jahren 2012 ihr Comeback hatte, scheint sich im Moment zu zerschlagen. Auch da verbucht sie militärische Erfolge.

Die Einnahme von Mossul, oder von Teilen davon, war eine Operation, die sich seit Tagen ankündigte: Dennoch konnten die irakische Regierung und die Armee nichts dagegen tun. Wenn Premier Nuri al-Maliki nun die Bürger gegen die Extremisten bewaffnen will, kommt das erstens einem Eingeständnis gleich, dass die regulären Sicherheitskräfte - und ihre im Land verbliebenen amerikanischen Berater - machtlos sind. Zweitens ist es eine Aufforderung zum Bürgerkrieg.

Schon seit geraumer Zeit formieren sich auch wieder Schiitenmilizen, wie sie in den schlimmsten Jahren zwischen 2005 bis 2007 omnipräsent waren. Der Vorstoß der Isis in die Stadt Samarra war eine besonders schwere Provokation. Dort liegt der schiitische Askari-Schrein, der 2006 von den Isis-Vorgängern in die Luft gesprengt wurde. Sofort gab es schiitische Aufrufe, sich zur Verteidigung zu formieren. Das ist offenbar genau das, was die Isis beabsichtigt.

Denn die schiitische Reaktion verhindert wiederum, dass sich alle Sunniten in den betroffenen Gebieten auf die Seite der Regierung stellen. Die Isis und andere sunnitische radikale Gruppen können teilweise zumindest auf die Duldung durch Teile der sunnitischen Bevölkerung zählen. Das ist Maliki zuzuschreiben, der in den vergangenen Jahren nicht einmal versucht hat, eine integrative Politik zu machen.

Dennoch ist die Stärke der Isis frappierend, umso mehr, als Baghdadi sich ja von der Mutterorganisation Al-Kaida quasi selbstständig gemacht hat. Die Isis hat offenbar ein substanzielles Rückgrat: einen Mix aus lokaler Unterstützung, erpressten Geldern (Maut, Steuern), Einnahmen durch Kriminalität und Kriegswirtschaft sowie Spenden von außen. Als ihr Sponsor wird verschwörungstheoretisch auch immer wieder das Assad-Regime bezeichnet. Aber so nützlich es für Assad ist, dass sich die Rebellengruppen in Syrien bekriegen, so wenig Interesse kann er daran haben, dass sich der schiitisch geführte Irak destabilisiert. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 11.6.2014)

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