Das Kind nicht mit dem Bad ausschütten

Kommentar der anderen10. Juni 2014, 19:00
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Entwicklungszusammenarbeit kommt jenen zugute, die am Markt nicht mitkommen

Hans Stoisser plädiert für die Abschaffung der "Entwicklungshilfe". Die Welt habe sich verändert, die Länder Afrikas seien in die Weltwirtschaft eingebunden, globale Konsum-, Erwerbs- und Kommunikationsmuster prägten das Leben in afrikanischen Städten, daher seien kommerzielle Investitionen die Zukunft.

Das ist leider nur teilweise richtig. Es stimmt, die Volkswirtschaften Afrikas verzeichnen schöne Wachstumsraten. Doch Wachstum ist nicht gleich Entwicklung. Vor 50 Jahren glaubte man an den "trickle-down effect": Setzt ein Wachstumsschub ein, so sickern Geld und Wohlstand nach einiger Zeit auch nach unten zu den ärmeren Bevölkerungsschichten durch, dachte man in der Pionierphase der Entwicklungshilfe. Soziale Ungleichheit und autoritäre Regime wurden als vorübergehende negative Begleiterscheinungen in Kauf genommen. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass dynamisches Wirtschaftswachstum durchaus mit langfristiger Massenverelendung einhergehen kann. Die meisten absolut Armen leben heute nicht in den ärmsten Ländern, sondern in den Schwellenländern, in denen die Wirtschaft in ausgewählten Sektoren boomt.

Hans Stoisser erkennt den "autoritären staatskapitalistischen Praktiken Asiens" eine größere Vorbildrolle für die afrikanischen Länder zu als den humanistisch und demokratisch geprägten europäischen. Um volkswirtschaftliche Kennzahlen nach oben zu treiben, mag das schon der effizienteste Weg sein. Nur: In über 50 Jahren Entwicklungsforschung hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass nachhaltige Entwicklung auch Ziele wie soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Ökologie, Demokratie, etc. beinhalten muss.

Stoisser kritisiert zu Recht die paternalistischen Strukturen der "Entwicklungshilfe", die Abhängigkeitsverhältnisse zementiert und den Hilfsempfängern die Würde nimmt. Doch wenngleich solche Praktiken nie ganz verschwinden werden, sind sie heute nicht mehr repräsentativ für die professionelle Entwicklungszusammenarbeit. Es geht längst nicht mehr darum, Almosen zu verteilen. Die Entwicklungszusammenarbeit wendet heutzutage nicht nur andere Methoden an als früher (Eigeninitiative und das Wissen afrikanischer, lateinamerikanischer und asiatischer Experten stehen stärker im Vordergrund). Auch das, was heute unter sozial ausgewogener und nachhaltiger Entwicklung zu verstehen ist, hat sich gegenüber dem reinen ökonomischen Wachstumsdenken weiterentwickelt. Gewiss, die Entwicklungszusammenarbeit muss sich permanent verbessern.

Sie einfach abzuschaffen, wie von vielen Kritikern gefordert, hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten und auf ein wertvolles Instrument zu verzichten, das denen zugutekommt, die an den Segnungen des freien Marktes leider weiterhin keinen Anteil haben können. (Thomas Vogel, DER STANDARD, 11.6.2014)

THOMAS VOGEL ist Bereichsleiter für Programme und Projekte bei Horizont 3000, Österreichs größter NGO in der Entwicklungszusammenarbeit. Zurzeit läuft in Wien im Rahmen des Wissensmanagements von Horizont 3000 die internationale Konferenz "Educational Institutions for Development - down to earth and close to the people".

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