Schön gespielt vs. zauberhaft gegeigt

10. Juni 2014, 18:27
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Unter Helmut Schön holte Deutschland den zweiten Titel, den Ruhm aber holten die Niederländer

Vor 40 Jahren hat es noch zwei Deutschländer gegeben. Deshalb muss dazu gesagt werden, dass die Fifa 1974 die Welt in die Bundesrepublik gerufen hat. Die Demokratische Republik fühlte sich aber doch irgendwie mitgemeint, jedenfalls schickte sie ein motiviertes Team über die deutsch-deutsche Grenze, zumal BRD und DDR in dieselbe Gruppe gelost wurden. Die Alten unter den Älteren dürfen sich erinnern: Jürgen Sparwasser. Sein 1:0 brachte der DDR gar den Gruppensieg; punkte- und torverhältnisgleich mit der BRD. Ein Moment des Triumphes auch für den "Ersten Sekretär des ZK der SED", den Saarländer Erich Honecker.

Apropos Saarland: Die Auswahl der gastgebenden BRD trainierte jener Helmut Schön, der 20 Jahre zuvor mit der saarländischen Auswahl der späteren Weltmeistermannschaft dieser BRD unterlegen war. 1964 wurde er bundesdeutscher Nationaltrainer, sehr erfolgreich übrigens, immerhin wurde er 1966 Vizeweltmeister (wegen des sogenannten Wembley-Tores von Geoff Hurst in der 101. Minute). Aber erst vier Jahre später, in Mexiko, begann die Welt erstmals wahrzunehmen, dass Deutschland - die BRD wurde Dritter - schön, also Schön spielte. Niemand war also wirklich überrascht, dass diese Schön-Elf daheim Weltmeister wurde. Günter Netzer stieß zum Ensemble, dessen Rückgrat die Bayern waren: von Goalie Sepp Maier über Beckenbauer-Schwarzenbeck-Breitner bis vor zu Gerd Müller, zur Tormaschine.

Deutscher Takt, niederländischer Sound

Diese Deutschen gaben fraglos den Takt vor in diesem Turnier. Die Melodie kam freilich von woanders her. Die pfiff Rinus Michels, der Coach der Niederlande, der mit seinem bei Ajax erprobten "Totaalvoetbal" das neue Versmaß vorgab, zu dem dann auch die langen Haare und die nach unten gerutschten Stutzen gehörten. Johan Neeskens, Johnny Rep, Johan Cruyff, Rob Rensenbrink, René van de Kerkhof, Arie Haan - die groovten; ja, auch Arie Haan.

Bis ins Finale kamen sie so. Beseelt davon, Fußball als Organisation von höchstmöglicher Geschwindigkeit und höchstmöglicher Präzision ins Werk zu setzen, berauschten sie sich freilich auch an der Schönheit ihres Tuns. Von außen missverstand man, was die Holländer da taten, oft als eine Art lässiger Jam-Session. Dabei hatten sie einen Organisationsgrad wie eine Philharmonie.

Ruhm vs Ehrung

"Der Pokal", so schrieb es damals der "Corriere dello Sport" nach dem finalen 2:1 in München vielen aus dem Herzen, "ging nach Deutschland, der Ruhm jedoch an die holländische Mannschaft." Vierzig Jahre danach darf man freilich schon auch nüchterner hinschauen. Deutschland fand spätestens mit seinem zweiten WM-Titel in seine Weise, Fußball zu spielen. Jogi Löw, den viele loben wegen seines innovativen Tuns, konnte also durchaus anknüpfen an eine Tradition, die Helmut Schön begründet hat.

Der Ruhm der Holländer raffte sich vier Jahre später noch einmal zu Beachtlichem auf. Unter Bondscoach Ernst Happel sausten die Oranjes ins Finale in und gegen Argentinien, um dort die Fahnen wehen zu lassen beim dramatischen 1:3-Untergang.

Helmut Schön nahm 1978 dann den Hut. Seinen letzten WM-Auftritt hatte der titelverteidigende Coach mitten in der Pampa. Im legendenumnebelten Córdoba. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 11.6.2014)

Am Donnerstag: WM 1994 in den USA

  • Paul Breitner (li.) und Berti Vogts versuchen den virtuosen Johan Cruyff zu stoppen.

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