Ein Tempel, der Wimbledon werden musste

10. Juni 2014, 18:18
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Das alte Maracanã war das wohl berühmteste Fußballstadion der Welt. Das neue ist natürlich auch nicht ganz schlecht, ihm fehlt allerdings der Charme

Dass Herr Dirk Broichhausen einmal an der Seitenoutlinie steht und der versammelten Weltpresse die Torlinientechnik erklärt, auf die 14 Kameras unter dem Stadiondach zeigt, dabei auch noch eine schwarze Uhr in der Hand hält, hat sich das Estadio Maracanã nie und nimmer gedacht. Broichhausen ist Deutscher, erfüllt das Klischee des Perfektionisten. Er ist CEO der GoalControl Gmbh, schwärmt von dem Produkt, weist auf die minimale Fehlerspanne von nur drei Millimeter hin. In Wahrheit könne man auch Technologien entwickeln, die Abseitsstellungen auflösen, aber das lehne die Fifa ab. Broichhausen sagt, man wolle dem Fußball das Menschliche lassen. "Dazu gehören auch falsche Entscheidungen."

Er findet das in Ordnung, wohl wissend, dass in diesem milliardenschweren Geschäft die Romantik längst in Altersteilzeit geschickt wurde. Der nächste Auftrag kommt bestimmt, eine Frage der Zeit und Irrtümer. Erstmals wird die Technik bei einer WM angewendet, sie soll den Schiedsrichtern helfen, kein allzu großer Depp zu sein. Überschreitet der Ball die Torlinie, bekommt der Mann (vielleicht in naher Zukunft auch die Frau) ein Zeichen, keinen Stromschlag, die Armbanduhr vibriert zehn Sekunden lang. Das gefährdet die Gesundheit überhaupt nicht. So 200.000 bis 300.000 Euro kostete die Technik pro Stadion. Ein Reporter aus El Salvador schüttelte in Anbetracht dieser Summe den Kopf: "Wer soll sich das leisten können?"

Gewöhnlich geworden

Das Maracanã wurde nicht gefragt. Es hat sie einfach installiert bekommen. Der ehemalige Tempel ist gewöhnlich geworden. Es hat läppische 400 Millionen Euro gekostet, die Hütte zu verkleinern. Sie fasst nun 75.000 Zuschauer, einst waren es bis zu 200.000. Das neue Maracanã ist in stinknormale Sektoren aufgeteilt (Nord, Süd, West, Ost), es hat funktionierende Toiletten, die Tribünensitze sind aus Kunststoff und total langweilig durchnummeriert. Manche Sesel sind gelb, andere blau, ganz andere weiß. Ein System der Farbzuordnung ist nicht erkennbar.

Die Laufbahn ist mit Plastikgras überdeckt, um die Distanz zum Spielfeld kleiner wirken zu lassen. Spätestens bei den Olympischen Sommerspielen 2016 wird sie freigelegt. Das Maracanã könnte rein optisch überall auf der Welt stehen, in London, Seoul, Paris, Amsterdam, vielleicht sogar in Klagenfurt. Im Pressezentrum ist ein grauer Teppich gelegt, auch charmant. Es gibt 125 VIP-Logen zu je 50 Quadratmeter, ein Zugeständnis an die High Society von Rio und die Fifa von Blatter.

Man erreicht es mit der U-Bahn, die grüne Linie 2 beginnt in Botafogo und endet in Pavuna. Ziemlich in der Mitte der Strecke liegt die Station Maracanã. Kurz vor dem Halt schreit eine Stimme aus dem Lautsprecher ein langgezogenes "Maracaaaaná" und "Goooooal." Ausgerechnet die U-Bahn hat den Restcharme bewahrt.

Die einst weltgrößte Schüssel wurde 1950 eröffnet. Das Überdimensionale hatte einen politischen Hintergrund, einen symbolischen Charakter. Man wollte allen Brasilianern, unabhängig von Beruf, Geschlecht, Alter oder Hautfarbe Platz bieten. Es wurde kreisförmig gebaut, damit jeder Fan den gleichen Blickwinkel hat. Sie konnten sich auf den Rängen frei bewegen, der Unterschied zwischen Reich und Arm war wenigstens für 90 Minuten weggewischt. 1966 wurde es nach dem Journalisten Mário Filho benannt, er hatte sich einst dafür eingesetzt, dass die Tempelanlage an dieser Stelle errichtet wird. Die Brasilianer sagen trotzdem Maracanã.

Der Geldadel

Es gibt Gruppen, die nach wie vor protestieren. Wohl wissend, dass die Vergangenheit keine Zukunft hat. Sie genießen große Sympathien in der Bevölkerung. Ein leitendes Mitglied der Bewegung "Das Maracanã ist unser" sagt: "Sie haben das alte Maracanã getötet. Jetzt bekommt nur mehr der Geldadel einen Zugang. Sie wollen das Maracanã in ein Wimbledon verwandeln." Teile der Ränge mussten übrigens lange vor der Modernisierung behördlich gesperrt werden. Der Urin hatte den Beton bröckelig gemacht, zersetzt. 200.000 Menschen hätten eben doch mehrere Toiletten benötigt.

Sieben Partien werden hier gespielt, Argentinien und Bosnien-Herzegowina machen am Sonntag den Anfang. Das Ende ist das Finale am 13. Juli. Zwecks Versöhnung sollte die Seleção vorbeischauen. Und irgendeine andere Mannschaft. Zum Beispiel Uruguay, um die Schmach, das 1:2 vom Endspiel 1950, zu tilgen.

Um an alte Zeiten zu erinnern, hätte eine Statue von Pelé ins Areal gestellt werden sollen. Sie wurde nicht rechtzeitig fertig. Im Gegensatz zu den 14 Kameras des Herrn Broichhausen. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 11.6.2014)

  • Die totale Renovierung des Maracanã hat rund 400 Millionen Euro gekostet. Dafür fasst es nur noch 75.000 Zuseher
    foto: ap

    Die totale Renovierung des Maracanã hat rund 400 Millionen Euro gekostet. Dafür fasst es nur noch 75.000 Zuseher

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