Hillary Clinton: Mit Kritik an Obama in den Vorwahlkampf

10. Juni 2014, 18:38
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Von "schweren Entscheidungen" als Außenministerin Barack Obamas spricht Hillary Clinton in ihren neuen Memoiren. Dass sie sich dabei vom Weißen Haus absetzt, gilt als Schachzug vor der Wahl 2016

Vielleicht ist es dieses eine Bild aus dem Situation-Room, das als Erstes in Erinnerung bleibt aus der Ära der Außenministerin Hillary Clinton. Erschrocken, so wirkt es jedenfalls, fährt sich die Chefin des State Department mit der Hand über den Mund. Das Foto verrät, unter welcher Nervenanspannung die Versammelten stehen, am sichtbarsten die frühere First Lady, während die Navy Seals in Abbottabad das Anwesen Osama Bin Ladens stürmen.

Damals, steuert Clinton jetzt ihre eigene Version bei, hätten sie nichts anderes tun können, als auf Nachrichten des Teams vor Ort zu warten. "Ich sah hinüber zum Präsidenten. Er war ruhig. Selten war ich stolzer als an diesem Tag, dass ich an seiner Seite dienen durfte." Unter dem Titel Hard Choices ("Schwere Entscheidungen") schildert Clinton, wie die amerikanische Außenpolitik nach den Exzessen George W. Bushs, nach den großen Reden in der Aufbruchszeit Barack Obamas kleinere Ziele zu setzen begann. Der Blick auf Obama, den Senkrechtstarter, der sie erst im Vorwahlduell der Demokraten 2008 besiegte und sie dann im vielbeschworenen Team der Rivalen zu seiner Chefdiplomatin kürte, ist kritisch geblieben. Die oben zitierte Passage ist eher die Ausnahme. Dass die 66-Jährige manche Differenzen mit dem Präsidenten öffentlich macht, entspringt kühlem Kalkül.

Es wäre eine faustdicke Überraschung, würde sie 2016 nicht zum Rennen ums Oval Office antreten. Im Kern läuft es also darauf hinaus, sich abzusetzen. Einer Präsidentin Clinton, steht zwischen den Zeilen, könnte niemand nachsagen, ein Weichei zu sein.

Härte gegen den Kreml

Bei Wladimir Putin etwa, stellt sie heraus, habe sie sich nie falsche Hoffnungen gemacht. "Harte Männer stellen einen vor harte Entscheidungen", sagt sie über den russischen Präsidenten, den sie als dünnhäutigen, empfindlich auf Kritik reagierenden Autokraten charakterisiert. Bereits 2012, habe sie Obama in einem Memorandum nahegelegt, hart zu verhandeln. Kurz bevor sie das State Department verließ, warnte sie vor "schwierigen Tagen", im Verhältnis Washingtons zu Moskau.

Oder Syrien: Als die Regierung über den Bürgerkrieg diskutierte, habe sie die Meinung vertreten, dass eine Abstimmung mit nahöstlichen Partnern durchaus möglich sei, wenn Amerika beginne, moderate Rebellen zu bewaffnen. Im Oval Office habe man gezögert, diesen Schritt zu gehen. "Das war die Entscheidung des Präsidenten, und seine Überlegungen habe ich akzeptiert."

Das Kapitel Irak

Als sich die Protestwelle des Arabischen Frühlings von Tunis nach Kairo fortpflanzte und der Stuhl Hosni Mubaraks, eines Verbündeten der USA, zu wackeln begann, war es wieder Clinton, die zu den Skeptikern zählte. Folgt man ihrer Darstellung, warnte sie davor, sich eindeutig auf die Seite der Demonstranten zu stellen. Einige von Obamas Beratern hätten sich mitreißen lassen vom Drama des Augenblicks. Sie hingegen habe gemahnt, dass das Land im Falle des Sturzes Mubaraks vielleicht in 25 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte werde, die Phase bis dahin wacklig werden könne.

Dann ist da noch das Kapitel Irak, ein Kapitel, das 2008 wesentlich dazu beitrug, dass der Außenseiter Obama Clinton vom Kandidatenthron stürzen konnte. Er punktete damit, dass er bei einer Kundgebung in Chicago einst von einem "dummen Krieg" sprach, bevor George W. Bush den Marschbefehl gab. Clinton hingegen stimmte 2002 im Senat dafür. Viele Senatoren wünschten sich im Nachhinein, sie hätten anders votiert, notiert Clinton. "Ich war eine von ihnen. Als sich der Krieg in die Länge zog, mit jedem Brief, den ich einer Familie in New York schrieb, die einen Sohn oder eine Tochter verloren hatte, wurde mein Fehler schmerzlicher." Es ist nicht das erste Mal, dass sie von einer falschen Entscheidung spricht. So selbstkritisch war sie in ihrer Wortwahl aber noch nie. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 11.6.2014)

  • Hillary Clinton will sich in ihren neu erschienenen Memoiren als kühle Taktiererin präsentieren. Rechtzeitig vor der Wahl 2016 will sie sich damit auch von Präsident Obama absetzen.
    foto: ap / ben margot

    Hillary Clinton will sich in ihren neu erschienenen Memoiren als kühle Taktiererin präsentieren. Rechtzeitig vor der Wahl 2016 will sie sich damit auch von Präsident Obama absetzen.

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