Tüfteln an einer Impfung gegen Pickel

13. Juni 2014, 17:10
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Es wäre ein Aufatmen für unzählige geplagte Pubertierende: Ein junges Wiener Biotechunternehmen arbeitet an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Akne

Wien - Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Eine simple Impfung erspart zehntausenden Heranwachsenden die Probleme mit entzündeten Wimmerln im Gesicht. Ganz zu schweigen von den Narben, die bei etwa fünf Prozent der Betroffenen ein Leben lang bleiben. Doch genau das ist die Triebfeder für die Molekularbiologin Sanja Selak und ihr Team. Sie entwickeln im Wiener Biotechunternehmen Origimm eine Impfung gegen Akne.

Die Krankheit entsteht, wenn die Haarporen, auch Follikel genannt, sich mit einem Gemisch aus mikroskopisch kleinen Hautschuppen und Talg verstopfen. Bakterien, die sonst an der Oberfläche der Haut leben, siedeln sich in den verschlossenen Poren an.

Besonders das Bakterium mit dem Namen Propionibacterium acnes fühlt sich dort wohl. Zum einen fehlt der Sauerstoff, ein Gift für diese Bakterienart, zum anderen dient ihnen der fettig-ölige Talg als energiereiche Nahrung. "Bei diesen idealen Bedingungen vermehrt sich P. acnes explosionsartig. Das ruft das Immunsystem auf den Plan, und der Pickel entzündet sich", schildert Selak den Krankheitsverlauf.

Gefinkelte Infektion

Das Besondere an Propionibacterium acnes ist, dass Menschen unterschiedlich darauf reagieren. Oft wird das Immunsystem mit der Infektion recht schnell fertig. Bei schweren Fällen entsteht aber eine Art Teufelskreis der Entzündung. Die Aknebakterien haben offenbar einen Weg gefunden, das Immunsystem gefinkelt zu überlisten.

Genau da will Selak mit der Impfung ansetzen. "Wir wollen herausfinden, mit welchen Antigenen Propionibacterium acnes das Immunsystem manipuliert und diese Antigene dann gezielt unschädlich macht", erklärt sie ihren Zugang.

Eine Herausforderung bei der Entwicklung von Impfstoffen ist, zunächst genau jene Antigene auf den Krankheitserregern zu finden, an denen eine Impfung ansetzen kann. Bisher ist das ein zeit- und geldintensives Ratespiel, bei dem aus tausenden potenziellen Kandidaten einige wenige Zielmoleküle für vorklinische Wirkungstests im Reagenzglas herausgefiltert werden. "Von denen fallen aber schon in der ersten klinischen Testphase wieder 85 Prozent durch", betont Selak.

Neue Antikörpersuche

Ihre Methode stellt diese Prozedur nun auf den Kopf: Selak macht die Wirkungstests zu Beginn. Dann erst isoliert sie nur jene Antikörper, die bei den Tests die größte Immunantwort hervorgerufen haben. "Unsere Technik ist der eigentliche Kern unseres Geschäftsmodells", sagt Selak, die für das Unternehmen schon Fördermittel über den Life Sciences Call der Wiener Technologieagentur ZIT einwerben konnte. Jüngst hat Selak auch eine Finanzierung der Förderagentur Austria Wirtschaftsservice AWS erhalten.

Kliniker sind angesichts der Idee der Akneimpfung vorsichtig: Die Dermatologin Daisy Kopera, Professorin an der Medizinischen Universität Graz, sieht die primäre Ursache von Akne nicht bei den Bakterien, sondern in der Überproduktion von Talg in den Haarfollikeln. "P. acnes gehört zur normalen Besiedelung der Haut, deshalb ist Akne auch nicht ansteckend", sagt sie.

Die hormonelle Umstellung in der Pubertät führe zu einer besonders starken Talgbildung, deshalb seien die meisten Aknepatienten auch zwischen 15 und 18 Jahren alt. "Eine Impfung gegen Akne wäre sicher ideal, allerdings würde die Talgproduktion dadurch nicht vermindert", meint Kopera. Ihrer Ansicht nach werden gängige Therapien mit Präparaten, die die Talgproduktion von innen her hemmen, oder Antibiotika weiterhin wichtig bleiben.

Auch Molekularbiologin Selak führt einen Kritikpunkt an Impfungen gegen Akne an: "In der Fachliteratur wird vermutet, dass das Impfen gegen einen normalerweise harmlosen Bakterienstamm wie P. acnes sich auf die Gesamtheit der Besiedelung der Haut mit Mikroorganismen und damit möglicherweise negativ auf den globalen Immunstatus auswirken könnte."

Selak denkt aber, dass man in der Forschung nicht zu sehr an herrschenden Dogmen hängen sollte. "Wir entwickeln unsere Impfung gegen einen einzigen Subtyp von P. acnes, der für die Mehrzahl der Erkrankungen verantwortlich ist. Das ist nur einer von sechs Subtypen dieser Bakterienart, die auf der menschlichen Haut vorkommen, da ist der Eingriff in die Bakterienflora klein", ist die Molekularbiologin überzeugt.

Akne als soziales Problem

Warum sich Selak so für die Entwicklung ihrer Akneimpfung einsetzt, liegt in der Zeit ihrer Kindheit in Exjugoslawien begründet. Einer ihrer Verwandten hatte so schwere Akne, dass er als junger Mann unter sozialen Problemen litt. "Er hat dann auch erst mit 45 Jahren geheiratet, so sehr musste er mit den Folgen kämpfen", schildert sie den Ursprung ihres Mitgefühls.

Selak studierte zunächst in Sarajevo und Ljubljana Medizin, bevor sie mit ihrer Familie nach Kanada zog. "In Kanada kann man nur Medizin studieren, wenn man vorher einen wissenschaftlichen Bachelor gemacht hat, so wählte ich Molekularbiologie", schildert Selak ihren weiteren Weg. Später gab sie die Pläne mit der Medizin auf und machte ihr Doktorat in Immunologie.

Es folgten zahlreiche Forschungsaufenthalte im Ausland, ehe sie nach Wien kam, um beim Biotechunternehmen Intercell zu arbeiten. Während dieser Zeit begann sie, über effizientere Wege in der Impfstoffentwicklung nachzudenken. Schließlich wagte sie mit ihren Ideen den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete ihre Firma Origimm. (Klaus Wassermann, DER STANDARD, 11.6.2014)


Am 17. Juni findet um 17 Uhr im Techgate Vienna eine Infoveranstaltung zum neuen Call Life Science 2014 der ZIT Technologieagentur der Stadt Wien statt.

  • Sanja Selak erforscht Aknebakterien.
    foto: origimm

    Sanja Selak erforscht Aknebakterien.

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