"Für die Unterhaltung opfern wir alles auf"

15. Juni 2014, 17:29
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Über gesellschaftliche Relevanz und Schattenseiten der TV-Übertragungen großer Sport-Events

Salzburg - "250 Stunden live und in HD" will der ORF, Österreichs öffentlich-rechtliches Fernsehen, die Fußball-WM aus Brasilien übertragen. Aber ist die gesellschaftliche Relevanz eines derartigen Sportereignissen tatsächlich so hoch? Ist es legitim, dass gebühren- oder steuerfinanzierte TV-Sender hohe Summen für die Übertragungsrechte ausgeben?

Das sind Fragen, die der Sportwissenschafter Minas Dimitriou von der Universität Salzburg zur Debatte stellt. Im Rahmen einer Ringvorlesung analysierte er unter dem Titel "Zur gesellschaftlichen Relevanz von Sportevents: Sportfernsehrechte zwischen sozialer Fairness und Kommerz" Hintergründe der Sportgroßveranstaltungen.

Die guten Quoten, die bei den Spielen erreicht werden, reichten als Legitimation nicht aus, sagt Dimitriou. Neben den quantitativen Kriterien wie Reichweiten oder Marktanteilen müssten auch qualitative berücksichtigt werden. Der soziale Kontext rund um das Entstehen des Großereignisses müsse miteinbezogen werden.

Anders gesagt: Die TV-Sender haben im Sinne einer Corporate Social Responsibility (CSR) neben ihrer ökonomischen und gesetzlichen Verantwortung auch eine darüber hinausgehende ethische und philanthropische Verantwortung. Sie sollten sich fair verhalten und sich für die Belange der Gesellschaft engagieren. Dimitriou: "Egal, ob Sotschi oder Brasilien: Große Unternehmen profitieren bei diesen Ereignissen davon, ein Unterhaltungsangebot für Europa zu schaffen. Für die Unterhaltung opfern wir alles auf. Alles andere ist uns egal."

Einwohner würden umgesiedelt, um teure Riesenstadien ohne weiteren Verwendungszweck zu bauen. Sportverbände wie die Fifa profitierten dagegen in ungeheurem Maß von der Vergabe von TV- und Marketingrechten. "Egal, was passiert: Für sie fließt das Geld." Wirtschaftliche Impulse für die Veranstaltungsorte fielen dagegen nur kurzfristig aus, wie die Erfahrung zeige. "Wir brauchen neue Verteilungsschlüssel."

Bei den Großveranstaltungen fehlen nicht nur wirkungsvolle Nachhaltigkeitskonzepte, sondern auch neue Strategien, die die einheimische Bevölkerung und Kritiker stärker miteinbeziehen, sagt Dimitriou. Globale Wirkungszusammenhänge müssten verstanden werden. "Die Spiele könnte man in Zusammenhang mit einem modernen Kolonialismus sehen, in dem Netzwerke aus Medien und Wirtschaft profitieren."

Der Fußball muss zum einen nach den Regeln der Medien spielen - etwa, wenn Spiele in der brasilianischen Mittagshitze stattfinden, damit sie die Europäer in ihrer Abendfreizeit live samt teurer Werbeblöcke konsumieren können. Zum anderen würden die Bilder selbst auch immer mehr manipuliert, sagt Dimitriou. Leere Zuschauerränge werden ausgeblendet und aufgezeichnetes Bildmaterial ungekennzeichnet in die Live-Übertragung geschnitten. Dimitriou verweist auf Fälle bei der EM 2012, als etwa ein weinender deutscher Fan, aufgenommen vor dem Spiel, als Livebild eingeblendet wurde, als Deutschland ein Tor gegen Italien bekam.

Bilder von Trainer Jogi Löw, wie er vor dem Match mit einem Balljungen spielte, wurden zudem während der Spielzeit eingefügt, was ihn entspannt und überlegen wirken ließ. Die Konsumenten der Übertragung finden sich zusehends auf einer abgeschotteten Insel wieder, die wenig mit der Realität vor Ort zu tun hat. (pum, DER STANDARD, 11.6.2014)

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