Er nannte ihn Silbersee

8. Juli 2014, 05:30
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Herwig Huber beschreibt uns hier sein persönliches Rückzugsgebiet - einen See, der in den Landkarten nicht angeführt ist

Mein persönliches Paradies ist der Silbersee. Ich habe keine Ahnung, ob der See wirklich so heißt, denn ich hatte noch keine einzige Landkarte in den Händen, in dem dieser See einen Namen trug. Ich würde ihn jedenfalls so nennen. Nicht wegen Karl May, sondern weil ich als Kind dort einmal einen kleinen schwarzen, aber schimmernden Krümel gefunden habe - es war Silber.

Das ist aber nicht die Faszination, die mich so sehr an diesen Ort bindet. Es sind die Einsamkeit und absolute Stille, sowie die unvergleichbare Schönheit, die das Gebiet um den See so einzigartig machen. Weil es ein wenig eingekesselt ist, ist hier absolut kein Zivilisationslärm zu hören: Man spürt, dass man Gast in einer anderen Welt ist.

Der Silbersee liegt am Ende eines kleinen Seitentals des Klostertals (Vorarlberg) und ist nur nach einem mehrstündigen Fußmarsch mit teilweise erheblichen Anstiegen zu erreichen. Dort sind manchmal noch mehr Steinböcke als Menschen anzutreffen - das liegt vermutlich daran, dass es in weiterem Umkreis keine einzige bewirtete Hütte gibt und auch keine beliebte Wanderroute vorbeiführt.

Hier habe ich als Achtjähriger die Verbundenheit zur Natur erhalten und diese nie wieder verloren. Es war mein Vater, der mir diese Abgeschiedenheit gezeigt hat. Das war das großartigste Geschenk, das ich je bekommen habe.

Der Blick nach vorne

Inzwischen bin ich 43, habe selbst Kinder und habe leider seit mehreren Jahre keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Auch wenn mein Vater inzwischen an einer Leberzirrhose leidet - die durch Alkoholsucht und Familienstreitigkeiten verursachten Zerwürfnisse waren so groß, dass ich noch immer nicht in der Lage bin, diese Jahre zu vergessen und Frieden mit ihnen und dieser Vergangenheit zu finden.

Der See ist der einzige Platz, an dem ich diesen Schmerz liegen lassen kann. Er ermöglicht mir eine kleine Reise in eine bessere Zeit und ermahnt mich daran, die Zukunft nach Kräften positiv zu gestalten. Der See ist ein Bad für meine Seele und gibt mir die Kraft, anderen Menschen mit schweren Geschichten den Blick nach vorne zu zeigen. (Herwig Huber, derStandard.at, 8.7.2014)

Und jetzt sind Sie an der Reihe!

Zeigen Sie uns Ihren Lieblingsplatz - das muss nicht zwingend der Wohnort sein; es kann auch ein entlegenes Tal mitten im Nirgendwo sein, ein See oder eine Straßenkreuzung. Erzählen Sie uns, warum es gerade für Sie der ideale Ort zum Verweilen ist.

Schicken Sie uns Ihre Geschichte plus Fotos - Sie müssen auch nicht auf dem Bild zu sehen sein - an userfotos@derstandard.at. Wir basteln daraus Ihre ganz eigene Lieblingsplatz-Geschichte.

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    foto: herwig huber
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