Sie beginnen ganz von vorn

10. Juni 2014, 18:02
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Die Festwochen präsentieren die Performance "Germinal" des jungen Künstlerduos Antoine Defoort und Gregory Goerger

Wien - Die Amnesie ist vollständig. Drei Männer und eine Frau befinden sich am Nullpunkt. Und in einer ihnen unbekannten Realität, die sie ganz neu für sich entdecken müssen. Darum geht es in der herausragenden Performance Germinal des jungen belgisch-französischen Künstlerduos Antoine Defoort und Gregory Goerger, die Anfang des Jahres in Salzburg zu sehen war und jetzt von den Wiener Festwochen ins Odeon gebracht wird.

Erst können sich die vier Charaktere nur über für sie rätselhafte Geräte verständigen, mit denen sich Textprojektionen herstellen lassen. Aus ihrem Gedächtnisverlust heraus bauen sie eine Welt. Obwohl diese grotesk verschoben erscheint, wirkt sie unheimlich vertraut. Intuitiv scheinen die vier zu ahnen, welche Mittel ihnen dabei zur Verfügung stehen. Sie verhandeln über den Gebrauch ihrer Möglichkeiten und erweitern Schritt für Schritt ihre Kommunikation.

Im Kalender der Französischen Revolution war der Germinal der siebente Monat. Doch die Revolution wird im Stück nicht erwähnt. Es gibt keinen Aufstand, denn die Wirklichkeit ist schon gekippt. Nun ordnen die vier ihre Umgebung, wofür die Frau schon einmal den Bühnenboden mit der Spitzhacke aufreißen muss.

Gemeinsam werden eigene Methoden der Systematisierung von Begriffen geprobt. Das Quartett findet zur gesprochenen Sprache, und es wird von immer neuen Kommunikationstechniken erfasst.

Der Computer schließlich eröffnet ihnen den Blick in einen verblüffenden Bildraum mit Himmel, Hügeln und einem Wald. Doch der Umgang mit der neuen Welt klappt nicht so recht, und die vier gehen buchstäblich baden. Das lässt sie in einem Zwischenuniversum bleiben, das als Metapher für die uns so nahe und doch so fremde Realität der Kommunikation steht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 11.6.2014)

12.-15. 6., Odeon

  • Drei Männer und eine Frau in einer ihnen unbekannten Realität: die Performance "Germinal".
    foto: alain rico

    Drei Männer und eine Frau in einer ihnen unbekannten Realität: die Performance "Germinal".

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