Marc Newson: "Sex ist ein Faktor"

Interview12. Juni 2014, 18:23
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Marc Newson zählt zu den Big Five des internationalen Designs - Er entwirft Raumgleiter ebenso wie Türstopper oder Mode für G-Star - Ein Gespräch darüber, warum ein Designer immer noch erklären muss, was seine Arbeit ist

Marc Newson lehnt lässig an der großen Scheibe der Ausstellungshalle der Pariser Kulturinstitution Fondation Cartier, die Jean Nouvel für das Schmuckhaus entworfen hat. Der Designer trägt eine weite, gelbe Strickweste und eine weiß-blau gestreifte Hose. In der Hand hält er ein Glas Champagner. Im hinteren Teil des quaderförmigen Glasgebäudes wird gefeiert, 30 Jahre Fondation Cartier. Sogar Premierminister Manuel Valls ist da. Marc Newson steht derweil neben seinem Düsenflieger "Kelvin 40", der zum Jubiläum hier ausgestellt wird. Es sieht aus, als würde Newson lieber mit seinen anwesenden Kollegen Issey Miyake, Jean Nouvel oder Alessandro Mendini Party machen. Doch der Champagner schmeckt ihm auch während des Gesprächs.

STANDARD: Sie meinten vor kurzem, dass jemand, der die Google-Brille trägt, aussieht wie ein Idiot. Was stimmt mit dem Ding nicht?

Marc Newson: Tragbare Technologien sind eine faszinierende Angelegenheit. Und sie sind die Zukunft. Keine Frage. Aber dieses Ding ist schon auch furchterregend. Abgesehen davon sind die Dinger einfach hässlich. Da fällt mir auch dieser Roller von Segway ein, eine wunderbare Erfindung. Aber das Problem ist, dass Sie darauf aussehen wie ein Depp, völlig uncool. Das unsexieste Ding überhaupt, genau wie diese Google-Brille. Google hat viele großartige Geschichten erfunden, aber Hardware zu gestalten gehört nicht dazu.

STANDARD: Apropos unsexy: Ein Sammler Ihrer Objekte sagte einmal: "Marc Newsons Design macht dich geil." Welche Rolle spielt Sex in der Welt des Designs?

Newson: Wow, hat einer gesagt? Klar ist Sex ein Faktor. Objekte sollten nicht nur emotional, sondern auch physisch anziehend sein, sinnlich, auch verführerisch.

STANDARD: Welche Art von Formgebung ist denn sexy?

Newson: Ich könnte jetzt sagen, ein toller Frauenkörper, aber das wäre langweilig. Also: Auch wenn es nach einem Klischee klingt, es gibt ein paar Autos, die sind sehr sexy. Denken Sie an den Lamborghini Miura oder an einige der Ferraris aus den 1950er-Jahren.

STANDARD: Sexy ist oft ein Attribut von Stars. Sie werden immer wieder als Stardesigner tituliert. Was bedeutet das eigentlich?

Newson: Für mich bedeutet es, erkannt zu werden. Der Begriff "Star" ist in der Welt des Designs ein schwieriger. Er funktioniert nicht wie bei Schauspielern oder Sportlern.

STANDARD: Aber Sie mögen es, so bezeichnet zu werden?

Newson: Klar, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre nicht angenehm.

STANDARD: Außerdem hat das "Time Magazine" Sie unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt. Auch ein gutes Gefühl, oder?

Newson: Schwer zu sagen. Am Tag nachdem das Magazin rauskam, wartete ich gerade auf irgendeinem Flughafen in den USA und sah die Ausgabe. Ich dachte mir, wenn du dort dazugehörst, bist du wahrscheinlich nicht mehr wirklich wichtig. Die suchen halt nach irgendwelchen Namen. Aber klar fühlt man sich auch geehrt.

STANDARD: Sprechen wir über Einfluss. In Österreich haben Designer noch immer ein recht eigenartiges Image. Viele Menschen wissen nicht, was ein Designer wirklich tut. Wie würden Sie den Begriff Design jemandem erklären, der das Wort noch nie gehört hat?

Newson: Um ehrlich zu sein, ich erkläre das andauernd. Die Leute fragen mich: "Was tun Sie eigentlich?" Mir schläft jedes Mal das Gesicht ein. Es ist einfach langweilig und schwierig zugleich, die Frage zu beantworten. Ich sage den Leuten: "Ich gestalte Dinge." Sie fragen mich: "Was bedeutet das?" Ich sage ihnen: "Ich denke über Dinge nach und gestalte sie. Das kann eine Uhr sein, ein Möbel, eine Kamera." Sie fragen mich: "Wie können Sie all diese Dinge machen?", und ich sage ihnen: "Es ist nicht leicht, aber es geht." Und so geht es weiter und weiter.

foto: fabrice gousset
Der Leather Felt Chair

STANDARD: Woher stammt dieses Unverständnis? So schwer ist das doch nicht zu verstehen.

Newson: Design ist eine relativ junge Disziplin. Ein Designer ist kein Schauspieler, kein Maler, kein Musiker, kein Autor. All diese Berufe haben eine lange Geschichte. Angewandte Kunst ist ziemlich jung, und dieser Gedanke gefällt mir.

STANDARD: In Ihrem Fall geht es in erster Linie um das Design von Produkten. Gibt es einen Gegenstand, den Sie gestaltet haben, der Ihnen mehr als andere am Herzen liegt?

Newson: Ehrlich gesagt, nein. Es gibt Dinge, die signifikant für meine Arbeit sind, zum Beispiel meine Liege "Lockheed Lounge" aus den 1980er-Jahren. Sie steht für den Beginn meiner Karriere. Aber auch der Düsenflieger "Kelvin 40" hier in der Fondation Cartier ist sehr wichtig. Er ist eine Art verrückte Melange aus Fantasy und doch superreal und das in einem kulturellen Umfeld.

STANDARD: Aber das Ding kann nicht fliegen.

Newson: Es könnte fliegen, um das geht es. Der einzige Grund, warum es nicht fliegt, ist Geld. Technisch würde es einwandfrei funktionieren. Wir haben alle Tests, zum Beispiel an Simulatoren, durchgeführt. Aber es wäre einfach viel zu teuer, einen einzelnen Flieger fixfertig zu entwickeln.

STANDARD: Würden Sie ihn nicht trotzdem gerne fliegen sehen?

Newson: Nein, es reicht mir zu wissen, dass er fliegen könnte und dass er in einer Galerie als Objekt funktioniert.

STANDARD: Wobei ich zwangsweise an Ihre Liege "Lockheed Lounge" denken muss. Eine davon wurde für 1,6 Millionen Dollar versteigert. Ist das noch ein Möbel? Ist das noch Design? Verschwimmen da nicht die Grenzen zwischen Design und Kunst?

Newson: Oh, die letzte ging sogar für drei Millionen weg. Menschen verlangen nach Definitionen, um Dinge besser verstehen zu können. Das ist normal. Ich persönlich brauche sie diesbezüglich nicht. Während ich mit der "Lockheed Lounge" beschäftigt war, habe ich weder an ein Möbel noch an ein Kunstwerk gedacht, lediglich an das Objekt. Es gibt nur wenige davon, aber nicht, weil ich das so wollte, sondern weil ich nur wenige machen konnte. Insgesamt existieren 15 Stück. Alle sind verkauft.

STANDARD: Gibt es ein Lieblingsobjekt, das jemand anders designt hat?

Newson: Das iPhone. Das ist schon ganz ein besonderer Wurf.

STANDARD: Sie gestalteten Flugzeuge, Autos, Uhren, Türstopper, Mode, Taschenlampen, Kinderbetten, einfach so gut wie alles. Gibt es da noch ein "Traumobjekt"?

Newson: Nicht wirklich. Ich bin sehr glücklich, all diese Dinge gemacht zu haben. Mir wird nämlich schnell langweilig. All das zu tun ist mein Job. Die Herausforderungen verändern sich von Auftrag zu Auftrag, auch die Materialien und Funktionen, aber der Prozess bleibt derselbe.

foto: fabrice gousset
Marc Newson und sein "Body Jet". Noch ist dieser eine Concept-Studie, doch geht es nach dem Designer, soll man eines Tages bis zu einer Stunde damit durch die Lüfte schweben können.

STANDARD: Sie wurden in Australien geboren, weit weg von Design-Zentren wie London, Mailand oder den Niederlanden. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Newson: Es gibt in Australien keine Designgeschichte, das machte mich frei. Es gab keinen Ballast. Wäre ich in Mailand geboren worden, hätte das anders ausgesehen.

STANDARD: Das heißt, als Italiener wären Sie vielleicht gar kein Designer geworden?

Schwierige Frage. Auch wenn ich Italien und seine Designgeschichte liebe, tue ich mir echt schwer, mich als Italiener vorzustellen. Aber wahrscheinlich wäre ich kein Designer geworden. So wie ich Australien verlassen habe, hätte ich wohl auch Italien verlassen. Vielleicht Richtung Australien.

STANDARD: Es heißt, wo Sie aufwuchsen, gab es kein Spielzeuggeschäft, und dass Sie sich Ihr Spielzeug selbst in der Werkstatt Ihres Großvaters bauten. War das der Grundstein für Ihre Karriere als Designer?

Newson: Notwendigkeit ist immer ein guter Grund, etwas anzupacken. Es gab schon Spielzeuggeschäfte, aber wir waren nicht gerade die Reichsten, und das Angebot in den Geschäften war ein anderes als in Europa oder den USA. Es stimmt, manche Dinge hab ich mir dann einfach selbst gebaut.

STANDARD: Zum Beispiel?

Newson: Alles Mögliche, Fahrräder zum Beispiel. Seifenkisten haben mich über Jahre fasziniert. Das größte Geschenk, das ich je bekam, war ein Satz Reifen. Mein Großvater hatte sie mir besorgt. Das war wie ein Schlüssel für ein neues Auto.

foto: g-star raw
Mode für G-Star.

STANDARD: Ihnen wird gern ein Surfer-Boy-Image umgehängt. Kommen Sie noch zum Surfen?

Newson: Leider nicht. Aber ich sage Ihnen, ich war nie ein großer Surfer. Wenn man aus Australien kommt, wird man schnell zum Surfer, auch wenn man gar nicht surft. Es ist eine Frage der Kultur. In Europa gibt es viele Möglichkeiten, Kultur auszudrücken, in Australien ist Jugendkultur Surfkultur.

STANDARD: Und ein Surfbrett ist ein wunderbares Designobjekt, oder? Es könnte von Ihnen entworfen worden sein.

Newson: Das Interessante am Surfbrett ist, dass es nie wirklich designt wurde. Es hat sich einfach entwickelt. Es gibt auch keine Bücher darüber, keine Schule, an der man seine Konstruktion lernen könnte. Alles Wissen kommt von den Leuten, die die Bretter bauen. Sie geben es weiter. Außerdem werden die Dinger immer noch von Hand gemacht. Sie zahlen gerade mal 500 Euro für ein komplett handgearbeitetes Objekt.

STANDARD: Dafür fliegen Sie umso öfter. Sie sind unter anderem Creative Director der Fluglinie Quantas. Was ist das Schlimmste, wenn Sie sich in einem Flugzeug umsehen?

Newson: Wenn man erkennt, dass die Umgebung von Menschen gestaltet wurde, die so gut wie nie fliegen. Technik ist sehr wichtig. 80 Prozent meiner Arbeit dreht sich um Technik. Aber wenn die Technik aufs Design pfeift, dann kommt nichts Gutes dabei raus. Und beim Fliegen geht's nun mal um Komfort. Ich arbeite seit zehn Jahren an einem Flugzeugsitz, ein sehr wichtiges Objekt. In welchem Möbel verbringen Sie unter Umständen 24 Stunden an einem Stück? In einem Flugzeugsessel. Aber es gibt schlimmere Beispiele als schlecht gestaltete Flugzeuginterieurs. Schauen Sie sich die Welt der Luxusyachten an. Die sehen wie Shit aus, abgesehen von ein bis zwei Ausnahmen.

foto: jerome kelagopian
Das Rennboot "Aquariva".

STANDARD: Sie entwarfen 2007 auch einen Raumgleiter für Astrium, eine EADS-Tochter. Er ist für Weltraumtouristen konzipiert worden. Ist er je abgehoben?

Newson: Bis heute nicht, aber sie arbeiten noch daran.

STANDARD: Würden Sie gern dabei sein, wenn er zum ersten Mal startet?

Newson: Was für eine Frage. Klar. Davon hab ich immer geträumt.

STANDARD: Angeblich belaufen sich die Konstruktionskosten auf eine Milliarde Dollar. Könnte man das Geld nicht für Sinnvolleres ausgeben?

Newson: Das Geld wurde ja noch nicht ausgegeben, aber ja, Sie haben recht, damit könnte man eine Menge Dinge tun. Auf der anderen Seite geht es auch darum, moderne Technologien weiterzuentwickeln. Ich finde es sehr wichtig, ins All zu fliegen. Zum ersten Mal in der Geschichte haben Zivilisten die Möglichkeit, das All zu erkunden. Das ist es, was wir alle tun, wir erkunden Dinge.

STANDARD: Zurück auf den Boden: Wie sieht ein typischer Tag im Leben des Marc Newson aus?

Newson: Ein Tag, ohne in einem Flugzeug gewesen zu sein, ist kaum mehr vorstellbar, auch wenn ich natürlich nicht täglich fliege. Ich geh ins Büro, beantworte viele E-Mails, sie sind wie eine große schwarze Wolke, die über mir kreist. Und so geht's dahin. Außerdem hab ich zwei kleine Kinder, muss also früh raus.

STANDARD: Die vielleicht wichtigste Frage zum Schluss: Sie sagten einmal, bei gutem Design handelt es sich um ein Objekt, das sein Besitzer einfach nie mehr hergeben möchte und im besten Fall weitervererbt. Ist es wirklich so einfach?

Newson: Nun, das ist sicher nicht die einzige Definition, aber sie sagt viel über die Qualität eines Gegenstandes aus. Ich hasse Wegwerfobjekte. Das ist auch die beste Antwort auf die Frage nach nachhaltigem Design. Was ich nicht wegwerfe, wird auch nicht zur Belastung für die Umwelt. Da geht es auch um Verantwortung, nicht nur um Optik und Funktion.

STANDARD: Ihr Kollege Jasper Morrison hat das sehr ähnlich formuliert.

Newson: Wirklich? Das hat er bestimmt von mir geklaut. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 13.6.2014)

Zur Person

Marc Newson wurde 1963 in Sydney geboren. Er lebte in Tokio und Paris, ehe er sich mit seinem Studio in London niederließ. Er entwarf vom Türstopper über Uhren, Flugzeuge, Motorboote und Raumgleiter so ziemlich alles.

Seine Kunden heißen unter anderem Riva, Samsonite, G-Star, Pentax, Jaeger Le-Coultre, Cappellini, Dom Pérignon, Alessi, Shiseido, Ford. Seit 2006 ist Newson außerdem Creative Director bei Quantas Airways. Newson hat zwei Kinder und ist mit der Mode-Stylistin Charlotte Stockdale verheiratet.

www.marc-newson.com

Die Reise nach Paris erfolgte auf Einladung von Cartier.

  • Der Concept -Jet "Kelvin 40", der für Marc Newson technisches Gerät und gleichzeitig Kunstobjekt ist. Wichtig ist dem Designer nicht, dass er fliegen kann, sondern, dass er es könnte.
    foto: daniel adric

    Der Concept -Jet "Kelvin 40", der für Marc Newson technisches Gerät und gleichzeitig Kunstobjekt ist. Wichtig ist dem Designer nicht, dass er fliegen kann, sondern, dass er es könnte.

  • Newson gestaltete unter unzähligen anderen Dingen das Rennboot "Aquariva" für die berühmte Werft Riva, Mode für G-Star oder den "Leather Felt Chair".
    foto: jesse shadoan

    Newson gestaltete unter unzähligen anderen Dingen das Rennboot "Aquariva" für die berühmte Werft Riva, Mode für G-Star oder den "Leather Felt Chair".

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