OeNB-Direktorin: "EZB-Entscheidungen positiv für Österreich" 

Chat11. Juni 2014, 11:42
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Doris Ritzberger-Grünwald zu Prognosen und zur Lage der Wirtschaft

OeNB-Direktorin Doris Ritzberger-Grünwald ist optimistisch für Österreichs Wirtschaft. Die heimische Nationalbank hat für heuer und das kommende Jahr ein reales BIP-Wachstum von 1,6 Prozent und 1,9 Prozent vorhergesagt: "Das ist zwar nicht viel, aber auch kein Nullwachstum", sagte die Ökonomin am Mittwoch im derStandard.at-Chat. Die Frage, ob die EZB über das notwendige Instrumentarium verfüge, um gegen Deflationstendenzen vorzugehen, sagte sie: "Die geldpolitischen Entscheidungen der EZB von letzter Woche zeigen, dass die Notenbanken in ihrem Instrumentenkasten sehr kreativ agieren können und diesmal ganz gezielt die Kreditvergabe an Unternehmen angekurbelt haben."

Ritzberger-Grünwald ist optimistisch, dass dies tatsächlich positive Effekte in den schwächeren Südländern hervorrufen wird. Was die geldpolitischen Entscheidungen der Euronotenbanker von letzter Woche betrifft, so seien diese in der OeNB-Prognose nicht inkludiert. "Die Effekte, die sich aus den geldpolitischen Entscheidungen für Österreich ergeben, sind grundsätzlich positiv. Insbesondere über die Nachfrage nach österreichischen Exportgütern sollte die österreichische Wirtschaft weiter belebt werden."

ModeratorIn: Liebe Userinnen und User, wir wünschen Ihnen einen wunderschönen guten Tag. Wir freuen uns auf eine rege Diskussion mit Ihnen und Frau OeNB-Direktorin Dors Ritzberger-Grünwald - hoffentlich heute ohne technische Probleme.

Doris Ritzberger-Grünwald : Ebenfalls einen schönen guten Tag. Wie schon am Freitag, freue auch ich mich mit den Standard-Lesern über die österr. Wirtschaft diskutieren zu können.

UserInnenfrage per Mail: Konjunktur-Prognosen sagen immer voraus, dass die Wirtschaft anzieht. Wie viel Sinn machen solche Modelle?

Doris Ritzberger-Grünwald : Wir alle sind an der Zukunft interessiert und darum gibt es Prognosemodelle für das Wetter und auch die Wirtschaft. Sinn macht es insofern, als dadurch den Wirtschaftsakteuren eine gewisse Orientierung möglich ist, in der Ökonomie spricht man auch von Erwartungsbildung. Richtig ist, dass es besonders schwierig ist, Wendepunkte vorherzusagen und richtig ist, dass die Prognosen häufiger zu positiv als zu negativ sind. Vielleicht hat es auch mit einem gewissen Optimismus zu tun, der uns allen inne wohnt, auf alle Fälle empfiehlt es sich immer verschiedene Modelle von verschiedenen Institutionen miteinander zu vergleichen.

UserInnenfrage per Mail: Sämtliche Wirtschaftsprognosen gehen von einem 0-Wachstum bis 2015 in Österreich aus. Da die kalte Steuerprogression ohne Steuerreform auch weiter ansteigen wird, gehe ich von noch einem leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit aus. Wie sehen Sie das?

Doris Ritzberger-Grünwald : Die OeNB hat am Freitag in ihrer neuen Prognose für heuer und das kommende Jahr ein reales BIP-Wachstum von 1,6 % und 1,9 % vorhergesagt. Das ist zwar nicht viel, aber auch kein Null-Wachstum. Richtig ist, dass die Einkommen nachwievor leicht steigen und darum immer mehr Steuerzahler in höhere Steuerklassen fallen. Zu höherer Arbeitslosigkeit führt diese Entwicklung aber nicht unmittelbar. Ganz im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit in Österreich wird heuer bei 5 % zu liegen kommen und ist damit die niedrigste im gesamten Euro-Raum.

UserInnenfrage per Mail: Es gibt die Hoffnung, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt in den kommenden zwei Jahren entspannen soll. Ist nicht eher davon auszugehen, dass Unternehmen noch verstärkter auf Automatisierung und noch mehr Effizienz setzen werden und die zuletzt verlo

Doris Ritzberger-Grünwald : Mit zunehmender Beschleunigung des BIP-Wachstums werden auch zunehmend neue Jobs geschaffen werden. Trotz steigender Beschäftigung wird die Arbeitslosigkeit aber nicht deutlich zurückgehen. Der Grund liegt im hohen Arbeitsangebot. Immigration von ausländischen Beschäftigten, nicht nur aus Osteuropa, sondern auch aus Deutschland und anderen Euroraum-Ländern, bringen viele neue Arbeitskräfte nach Österreich. Viele davon sind hoch qualifiziert. Die angesprochene Automatisierung findet permanent statt, und hilft auch Österreichs Wirtschaft wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben. Viele Studien zeigen, dass dadurch zwar Jobs verloren gehen bzw. ins Ausland abwandern, aber in anderen Bereichen z.B. in völlig neuen Dienstleistungssektoren, Forschung u. Entwicklung, Unternehmenszentralen neue Jobs nachkommen. Darum ist es so wichtig, Investitionen im Inland zu betreiben und auch zu fördern.

UserInnenfrage per Mail: Zur EZB: Die Deflationstendenzen werden in erster Linie von hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Energie- und Rohstoffpreisen verursacht. Haben Notenbanken hier überhaupt die richtigen Instrumente, um entgegenzuwirken?

Doris Ritzberger-Grünwald : Die geldpolitischen Entscheidungen der EZB von letzter Woche zeigen, dass die Notenbanken in ihrem Instrumentenkasten sehr kreativ agieren können und diesmal ganz gezielt die Kreditvergabe an Unternehmen angekurbelt haben. Dies sollte die Kreditvergabe insbesondere in den periphären Ländern beleben, Investitionsprojekte ermöglichen und dadurch auch die Arbeitslosigkeit, die in diesen Ländern unglaublich hohe Werte erreicht hat, mittelfristig verringern helfen. Dadurch wird die Nachfrage erhöht und die Preise sollten wieder steigen. Energie- und Rohstoffpreise sind hingegen kaum direkt zu beeinflussen, die bereits angesprochene gestiegene Nachfrage sollte aber auch hier die Preise steigen lassen.

UserInnenfrage per Mail: Das Zinstief ist für Sparer ein einziges Desaster. Wann erwarten Sie da eine Trendwende?

Doris Ritzberger-Grünwald : Zinsprognosen gibt die Notenbank ganz grundsätzlich nicht ab. Das sieht man auch schön daran, dass in unseren Konjunkturprognosemodellen die Zinsen grundsätzlich eine externe Annahme sind, bei der das aktuelle Zinsniveau fortgeschrieben wird.

gelbes post-it: Sind die geldpolitischen Entscheidungen von letzter Woche in der ÖNB-Prognose schon einkalkuliert? Welche Effekte ergeben sich daraus für Österreich?

Doris Ritzberger-Grünwald : Nein, die geldpolitischen Entscheidungen von letzter Woche sind wirklich erst am Donnerstag gefallen und darum in der OeNB-Prognose, an der wir wochenlang gearbeitet haben, nicht inkludiert. Die Effekte, die sich aus den geldpolitischen Entscheidungen für Österreich ergeben, sind grundsätzlich positiv. Insbesondere über die Nachfrage nach österr. Exportgütern sollte die österr. Wirtschaft weiter belebt werden. Hier erwarte ich einen besonder positiven Effekt für die osteuropäischen Länder, die ja wichtige Außenhandelspartner Österreichs sind, und die zuletzt unter der Euroraumschwäche besonders gelitten haben. In Österreich selbst gibt es, im Gegensatz zu den Pheripherieländern, keine Kreditklemme und darum ist der unmittelbare Effekt der geldpolitischen Entscheidungen wahrscheinlich wesentlich geringer als in den Problemländern.

UserInnenfrage per Mail: In Österreich mag niemand das Wort Immoblase in den Mund nehmen. Aber wenn die Immobilien in Wien um 22 Prozent überbewertet sind und Sie letzte Woche diesbezüglich vermutlich von einem Durchschnittswert sprachen, ist ja davon auszugehen, dass es ei

Doris Ritzberger-Grünwald : Bei der Beurteilung von Immobilienmärkten bzw. bei der Frage, ob es eine Immobilienblase gibt oder nicht, sollte man immer von Gesamtösterreich sprechen. Wien unterliegt als Hauptstadt einer speziellen Situation. Auch in Deutschland sieht man, dass die Preisentwicklung in Großstädten sehr dynamisch ist und die Preisentwicklung in Gesamtdeutschland bei Weitem übertrifft. Um hier die Entwicklung gut zu verfolgen und rechtzeitig vor dem Bilde einer Blase zu warnen, hat die OeNB den sogenannten Immobilienfundamentalpreisindikator entwickelt. Er beobachtet die Entwicklung in Gesamtösterreich und in Wien, für andere Städte ist das Sample zu gering um hier wirklich Aussagen treffen zu können. Aber für Wien stellen wir tatsächlich eine lokale Überbewertung fest. Die gute Nachricht ist, dass der Preisauftrieb in Wien im ersten Quartal nicht mehr so stark war, wie im Quartal davor. Der Preisanstieg hat sich also zuletzt etwas eingebremst, was aber nicht mit einem Preisrückgang verwechselt werden sollte.

heinz sz: Wieso macht das die EZB nicht so wie die Fed? Quantative Easing. Die USA haben sich damit ganz still 2,5 trillion Dollars an Schulden de facto nullifiziert. Oder?

Doris Ritzberger-Grünwald : Es ist richtig, dass die unterschiedlichen Notenbanken unterschiedliche Wege bei der Krisenbewältigung gegangen sind. Die FED war hier ziemlich erfolgreich und konnte die Wirtschaft der USA relativ schnell wieder auf Wachstumskurs bringen. Dazu muss man aber wissen, dass die FED im Wesentlichen "nur" die Finanzmarktkrise überwinden musste, die Schuldenkrise, die uns in den letzten Jahren so sehr beschäftigt hat und Europa ein zweites Mal in eine Rezession gestürzt hat, ist hingegen in diesem Ausmaß und in dieser Form ein rein europäisches Phänomen. Der EZB ist es vertraglich untersagt Staatsanleihen direkt zu kaufen. Darum hat man andere Wege der Krisenbewältigung beschritten, und nicht nur die Zinsen gesenkt, sondern auch zahlreiche Non-Standard-Measures eingeführt. Dabei hat man sich aber teilweise schon an der FED und ihren Erfahrungen orientiert. Forward Guidance ist z.B. so ein Instrument, dass man in abgewandelter Form übernommen hat.

Wahnsinniger_vom_Ölberg: In den Medien wird immer davon gesprochen das die Geschäftsbanken Geld bei der EZB "parken". Wie kann man sich das technisch vorstellen. Soviel ich weiß ist der Zentralbankengeldkreislauf ja vom Publikumsgeldkreislauf vollständig abgekoppelt.

Doris Ritzberger-Grünwald : Geschäfts- und Notenbanken sind eng miteinander verflochten, z.B. der Zahlungsverkehr wird über die Notenbanken abgewickelt. Geschäftsbanken haben die Möglichkeit bei den Notenbanken z.B. über Nacht Geld einzulegen. Aber auch die Mindestreserve, ein weiteres geldpolitisches Instrument, steuert im Endeffekt die Geldmenge, die den Banken für die Kreditvergabe zur Verfügung steht. Sie muss bei den Notenbanken gehalten werden.

tornado74: Weshalb benötigen wir noch Banknoten? Deren Herstellung ist doch ein Riesenaufwand. Ließen sich nicht schon alle Geldtransaktionen günstiger und sicherer per Karte abwickeln. (Bsp. Schweden)

Doris Ritzberger-Grünwald : Die Österreich bevorzugen beim Zahlen, insbesondere von kleinen Beträgen, Bargeld. Unsere Studien belegen aber auch, dass in vielen anderen Ländern das Bargeld nicht komplett am Rückzug ist. Dies gilt sogar für die USA und Kanada. Es stimmt aber schon, dass Transaktionen mit Karten ganz grundsätzlich am Vormarsch sind. Das hat mit der Verfügbarkeit von Kartenterminals, niedrigeren Gebühren und der allgemeinen Akzeptanz bei den Geschäftspartnern zu tun. Bargeld ist aber nachwievor beliebt und ein großer Konkurrent der Karten, insbesondere wenn die Sicherheit im Hinblick auf Fälschungen, gewährleistet ist.

ModeratorIn: Das war's für heute, die Zeit ist schon wieder um. Bitte um Verständnis, dass aus Zeitgründen leider nicht alle Fragen gestellt werden konnten. Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen Beteiligten - bei unserem Chatgast Frau Ritzberger-Grünwald und

Doris Ritzberger-Grünwald : Vielen Dank für die vielen interessanten Fragen und die Möglichkeit diese zu beantworten. Vielleicht hat es beim einen oderen anderen auch Interesse an noch mehr Infos geweckt. Insofern möchte ich auf unsere neue Homepage verweisen, auf der noch viel mehr Infos und Analyseergebnisse von uns zu finden sind. Noch einen schönen Nachmittag!

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