Spiegelneuronen lassen Fußballfans jubeln - und trauern

10. Juni 2014, 13:29
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Empathisches Verhalten wird durch Nervenzellen im Gehirn gesteuert - Die eigenen Erfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle, berichten Forscher der MedUni Wien

Wenn am kommenden Donnerstag in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft startet, beginnt auch die emotionale Achterbahnfahrt für passionierte Fußballfans: Sie teilen Freud und Leid mit "ihrer" Mannschaft. Im Gehirn sind dabei bestimmte Zellen, die sogenannten Spiegelneuronen, wesentlich beteiligt.

Erdnuss und Affe

Die Angelegenheit ist für Neurowissenschafter bereits altes und gesichertes Wissen. Begonnen hat alles vor 30 Jahren in der italienischen Stadt Parma: mit einem Affen, einem Versuchsleiter und einer Erdnuss. Eigentlich hatte die Forschergruppe um den Physiologen Giacomo Rizzolatti lediglich erforschen wollen, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Griffen die Tiere nach Futter, konnten sie entsprechende neuronale Aktivität messen. 

Doch plötzlich schlug das Messgerät auch aus, als einer der Forscher nach einer Nuss griff. Dabei saß der Affe ganz ruhig da. Weitere Untersuchungen zeigten, dass Spiegelneuronen sogar die Absicht hinter einer Handlung erkennen können. Die Nervenzellen des Affen sandten offenbar bereits Signale aus, wenn er die Bewegung oder nur eine Absicht beobachtete, sie spiegelten das Verhalten des Gegenübers.

"Spiegelneuronen könnten dafür verantwortlich sein, dass wir uns in jemanden hineinfühlen können und uns in die Lage versetzen, das 'Selbst' vom 'Nicht-Selbst' zu unterscheiden", erklärt Ornella Valenti von der Abteilung für Kognitive Neurobiologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien.

Motorische Erfahrungen

Je mehr das Gesehene früheren Erfahrungen, insbesondere in Bezug auf die Beobachtung von motorischen Aktivitäten, entspreche, desto stärker feuern die Spiegelneuronen. So sei es auch möglich, dass bei einem Fußballmatch die Fans der siegreichen Mannschaft feiern, während Anhänger der Verlierermannschaft weinen. Die Menschen beobachten jeweils "ihre" Mannschaft und kopieren deren Emotionen.

Das Resonanzsystem der Spiegelneuronen ist auch noch für einen anderen Effekt zuständig: Fans, die selbst viel Fußball spielen oder gespielt haben, die wissen, wie das Spiel funktioniert, können ein Spiel besser "lesen". "Studien haben gezeigt, dass diese Fußball-Experten während des Spiels die Aktionen besser vorhersagen können", so Valenti. "Dabei feuern die Spiegelneuronen mehr als bei anderen, die weniger von Fußball verstehen."

Bei Kontrollgruppen, die noch nie oder selten ein Fußballmatch gesehen und selbst nie gespielt hatten, feuerten die Spiegelneuronen nicht oder kaum. "Spiegelneuronen befähigen uns offenbar dazu, die Absichten anderer intuitiv zu erfassen. Und umso mehr, je besser uns diese Absichten oder Handlungen aus eigener Erfahrung bekannt sind, so der Forscher. (APA/red, derStandard.at, 19.6.2014)

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