Listerien-Quargel: Letaler Lebensmittelskandal vor Gericht

10. Juni 2014, 18:54
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Fünf Jahre nach dem ersten Todesfall durch listerienverseuchten Käse von Prolactal, startete nun der Prozess in Graz. Wegen fahrlässiger Gemeingefährdung sind die Firma, vier Männer und eine Frau angeklagt

Graz - Der 58-jährige Mann, der am Dienstagmorgen im Rollstuhl von seinem Anwalt in den großen Schwurgerichtssaal im Grazer Straflandesgericht geschoben wird, kann nur undeutlich sprechen. Er war einst Topmanager bei einem Pharmaunternehmen, bis er mit 54 nach dem Verzehr eines Brotes mit listerienverseuchtem Quargel ins Koma fiel und schwer erkrankte.

Sein Vater, der ihn zum Prozess gegen die Firma Prolactal, aus deren Produktion der Käse kam, begleitet, wirkt ebenfalls schwer gezeichnet. Er hatte nach dem familiären Schicksalsschlag einen Herzinfarkt. Sohn, Vater und Mutter schlossen sich als Privatbeteiligte dem Prozess in Graz an.

Anklage wegen fahrlässiger Gemeingefährdung

Der 58-Jährige ist nur eines von vielen mutmaßlichen Opfern der mit Listerien verseuchten Produkte, die in den Jahren 2009 und 2010 erkrankten. Acht Menschen in Österreich und Deutschland starben in der Folge - bei sieben von ihnen sieht Staatsanwalt Stefan Strahwald einen direkten Zusammenhang mit dem Quargel.

Im Falle des 58-Jährigen bestreitet die Verteidigung die Kausalität, da auch andere Produkte im Kühlschrank des Mannes der Grund gewesen sein könnten. Anwalt Alexander Klauser, der insgesamt vier Opfer vertritt, spricht hingegen von einer "eindeutigen Beweislage".

Mit Prolactal, dessen österreichisches Werk seinen Sitz im steirischen Hartberg hat, sind vier einstige Mitarbeiter (eine Frau und drei Männer), und der Chef eines Labors, das im Auftrag der Firma forschte, wegen fahrlässiger Gemeingefährdung angeklagt. Es drohen bis zu drei Jahre Haft. Verfahren gegen Verantwortliche des Gesundheitsministeriums, den zuständigen Mitarbeitern der Lebensmittelaufsicht und den Landessanitätsdirektor wurden nach der Entlastung im Sachverständigengutachten eingestellt.

"G'standenes Unternehmen"

Wie die Anwälte der Angeklagten am Dienstag ausführten, wollen sich zwei der ehemaligen Chefs schuldig bekennen, weil sie den kontaminierten Käse nicht rechtzeitig einzogen. Zwei weitere Mitarbeiter sehen keine Schuld bei sich. Auch der 47-jährige Leiter eines Prüflabors antwortete auf die Frage des Richters, ob er sich schuldig fühlt: "Absolut nicht."

Er war der erste Angeklagte, der am Dienstag vor Richter Raimund Frei aussagte. Er habe alle Testergebnisse des Forschungsprojektes stets weitergegeben und erwartet, dass ein "g'standenes Unternehmen" wisse, was zu tun sei.

Eine Meldepflicht an Behörden habe es damals nicht gegeben, im Gegenteil: Er unterlag sogar einer Schweigepflicht gegenüber Dritten. Erst 2011 sei das Gesetz - eben wegen der Prolactal-Fälle - "nachgebessert" worden.

Bis Freitag werden Angeklagte gehört. Im Juli, nach Anhörung der Gutachten, wird ein Urteil erwartet. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 11.6.2014)


Chronologie eines Skandals

Acht Menschen sind zwischen Juni 2009 und Februar 2010 in Österreich und Deutschland nach dem Konsum von mit Listerien verunreinigtem Rohmilchkäse des oststeirischen Werks der Firma Prolactal gestorben. Folgend eine Chronologie des Lebensmittelskandals und der Weg bis hin zum ersten Prozesstag:

Jänner 2010 - Die steirische Landessanitätsdirektion und die damalige Gesundheitslandesrätin Bettina Vollath (SPÖ) erfahren durch die AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) von der Möglichkeit eines Listerienbefalls bei den Produkten der Firma Prolactal. Am 13. und 18. Jänner werden Proben gezogen. Von zehn Teilproben sind sechs befallen. Laut AGES wurde am 15. Jänner der epidemiologische und am 21. Jänner der mikrobiologische Nachweis erbracht, dass es sich um den Käse der Firma Prolactal handelte.

22. Jänner 2010 - Die Landessanitätsdirektion erlässt wegen Gefahr im Verzug einen mündlichen Bescheid, laut dem die Firma keine Produkte mehr in den Verkehr bringen darf. Der schriftliche Bescheid erfolgt am 25. Jänner. Über die zeitliche Abfolge der Alarmierung und das Krisenmanagement entspann sich in der Folge ein Streit zwischen Bundes- und Landesbehörden; die Frage nach der politischen Verantwortung wurde aufgeworfen.

23. Jänner 2010 - Prolactal startet eine Rückholaktion von 50 bis 60 Tonnen Käse. Betroffen sind unter anderem österreichische Märkte von Spar und der Rewe-Gruppe sowie deutsche Lidl-Filialen.

15. Februar 2010 - Es wird bekannt, dass 2009 zwölf Menschen in Österreich an dem im Käse gefundenen Listerien-Typus erkrankt sein sollen. Laut Gesundheitsministerium starben vier der Betroffenen. Auch in Deutschland werden zwei Todesfälle auf den Käse zurückgeführt. 2010 können in Österreich drei von elf Erkrankungen dem Bakterien-Typus zugeordnet werden.

16. Februar 2010 - Prolactal stellt die Produktion ein, bis die Ursachen für die Verunreinigung restlos geklärt sind. Laut Gesundheitsministerium handelt es sich bei dem Listerien-Typus um einen Stamm, der noch nie zuvor eine Erkrankung bei Menschen hervorgerufen hat. Bei zwei Überprüfungen von Prolactal im Jänner und Mai 2009 waren keine Überschreitungen von Listerien-Grenzwerten festgestellt worden.

18. Februar 2010 - Die Grazer Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein. Prolactal erneuert die Verbraucherwarnung für den rückgerufenen Käse und warnt vor dem Verzehr. Gleichzeitig beauftragt die Firma ein unabhängiges Expertenteam mit der Ursachenerforschung.

24. Februar 2010 - Ein weiterer Todesfall in Österreich - der fünfte seit Ausbruch der Infektionen - wird bekannt. Um eine groß angelegte Sicherheitskontrolle durchzuführen, stoppt das Hartberger Werk von Prolactal die Auslieferung sämtlicher Produkte.

26. Februar 2010 - Auch in Deutschland ist ein weiteres, das insgesamt dritte Todesopfer zu beklagen: Die Person starb nach einem Verzehr des Käses am 11. Februar. Insgesamt sind somit acht Menschen im In-und Ausland im Zusammenhang mit der Listerien-Belastung in Prolactal-Produkten ums Leben gekommen.

28. Februar 2010 - Ein Fehler im internen Warn- und Kontrollsystem wird als Ursache für die Listerien-Kontamination vermutet. Als Überträger werden Dungkäfer angenommen, die offenbar trotz engmaschiger Fliegengitter durch ein geöffnetes Fenster ins Innere gelangten und im Herbst 2009 auffielen.

1. März 2010 - Laut AGES könnten die ersten Verunreinigungen mit Listerien bereits im Frühjahr 2009 passiert sein. Weiters heißt es, dass Dungkäfer nicht der alleinige Auslöser gewesen sein dürften.

21. April 2010 - Der Nationalrat beschließt eine Novelle zum Lebensmittelgesetz mit dem Ziel, eine schnellere Information der Bevölkerung durch die Behörden bei Lebensmittelskandalen zu gewährleisten. Abgelehnt wurde das BZÖ-Begehren einer Ministeranklage gegen Gesundheits-Ressortchef Alois Stöger (S).

23. April 2010 - Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) fordert für mehrere Geschädigte Schadenersatz.

15. Mai 2010 - Die Staatsanwaltschaft Heilbronn leitet Ermittlungen gegen den Discounter Lidl in Deutschland ein. Käse soll trotz Listerien-Belastung verkauft worden sein.

21. Mai 2010 - Prolactal wird gemeinsam mit dem Stuttgarter Verbraucherschutzministerium in Deutschland angezeigt.

Oktober 2010 - Die Staatsanwaltschaft Graz spricht nach einem eingeholten Gutachten von "Fehlern im Qualitätsmanagement" und "mehreren Nachlässigkeiten".

9. November 2010 - Die Prolactal SauermilchkäsevertriebsgmbH wird vom Linzer Stammbetrieb abgespalten.

9. Dezember 2010 - Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) reicht im Namen von acht Geschädigten eine Sammelklage gegen Prolactal ein.

Juni 2011 - Der VKI hat mit der Firma Prolactal einen Vergleich abgeschlossen. Acht geschädigte Personen bekamen Schadenersatzansprüche in Höhe von 76.000 Euro.

2. Mai 2012 - Es wird bekannt, dass laut einem medizinischen Gutachten bei sieben Konsumenten die Listeriose zumindest mitverantwortlich für den Tod war.

Frühjahr 2013 - Das Amtsgericht Heilbronn verhängte über Lidl Deutschland wegen Verstößen gegen das Lebensmittelrecht Geldstrafen von insgesamt 1,5 Millionen Euro.

23. August 2013 - Die Staatsanwaltschaft Graz erhebt Anklage wegen des Verdachts der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge in sieben Fällen.

16. September 2013 - Es wird bekannt, dass ich die Anklage gegen vier leitende Angestellte und den Labor-Chef richtet. Als sechster "Angeklagter" wird auch die Firma Prolactal geführt. Diese Vorgehensweise ist aufgrund des Gesetzes bezüglich der Verbandsverantwortlichkeit seit einigen Jahren möglich.

21. März 2014 - Wissenschafter der Veterinärmedizinischen Uni Wien veröffentlichen eine Analyse des Erbguts der beiden für die Todesfälle mitverantwortlichen Bakterienstämme: Sei beide haben unterschiedliche Eigenschaften und sind unabhängig voneinander in den Betrieb gekommen.

10. Juni 2014 - Der für mehrere Tage anberaumte Prozess gegen insgesamt sechs Angeklagte beginnt im Straflandesgericht Graz.

  • So harmlos das Produkt aussah, so schwerwiegend waren die Folgen in  Österreich und Deutschland 2009 und 2010, als man verseuchte Ware in  Umlauf brachte. Acht Menschen starben.
    foto: prolactal

    So harmlos das Produkt aussah, so schwerwiegend waren die Folgen in Österreich und Deutschland 2009 und 2010, als man verseuchte Ware in Umlauf brachte. Acht Menschen starben.

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