Zentralbanken und Bitcoin: Bock zum Gärtner?

Leserkommentar11. Juni 2014, 09:09
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Kryptowährungen verändern alles, was wir über Geld zu wissen glaubten

"The past instability of the market economy is the consequence of excluding its most important regulator, money, from being itself regulated by the market process.“ – Friedrich A. Hayek

Derzeit entfaltet sich - fast unbeachtet vom medialen Mainstream – eine der interessantesten Entwicklungen der Wirtschaftsgeschichte seit der Erfindung des Papiergeldes im alten China: Sogenannte Krypowährungen treten in immer neuer Vielfalt auf den Plan und ändern alles, was wir über Geld und Geldwesen zu wissen glaubten.

Verbesserter Zahlungsverkehr

Auf den ersten Blick verbessern sie zunächst nur den Zahlungsverkehr, aber bei genauerer Betrachtung rücken plötzlich Lösungsansätze für wirtschaftliche Probleme wie Hyperinflation, Depression, Zahlungsbilanzungleichgewichte, Bankenpleiten und Währungskrisen in den Bereich der Möglichkeiten und versprechen ein Ende der bisher immer wiederkehrenden sozialen und wirtschaftlichen Katastrophen.

Bitcoin und Altcoins

Wie das Internet selbst entspringen Kryptowährungen einer ursprünglich militärischen Technologie, der Kryptographie. Kryptowährungssysteme nutzen den hohen technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Datenverschlüsselung, um im ganzen Internet fälschungssichere Buchungssätze zu verteilen und so ein gewaltiges, dezentrales Kontosystem zu schaffen, das von niemandem alleine beherrscht oder zensuriert werden kann. Der derzeit bekannteste Vertreter dieser Technologien ist natürlich Bitcoin. Inzwischen gibt es dazu eine immer größere Anzahl von „Altcoins“, die das berühmte Vorbild noch zu verbessern suchen.

Rasante Entwicklung

Diese rasante Entwicklung kann den traditionellen Geldanbietern auf Papierbasis, den staatlichen Zentralbanken, nicht egal sein. Wie sie auf diese Herausforderung individuell reagieren, wird nicht nur für ihr eigenes Schicksal entscheidend sein, sondern auch für den künftigen Wohlstand ihrer jeweiligen Nationen. Die Zentralbanken können dabei eine von zwei Basisstrategien wählen: sie können um ihr Monopol kämpfen oder sich dem marktwirtschaftlicher Wettbewerb öffnen.

Rückschlag

Für die erste Möglichkeit hat sich sichtlich die chinesische Zentralbank entschieden, die People‘s Bank of China (PBC). Durch einen Bitcoin-Boom in China aufgeschreckt, untersagte sie im letzten Dezember kurzerhand allen Finanzinstituten Transaktionen im Zusammenhang mit Bitcoin. Im April wies sie ihre Systembanken dann an, auch alle Konten von privaten Unternehmen zu schließen, die sich mit Bitcoin beschäftigen. Die Bitcoin-Ökonomie hat damit in China einen substanziellen Rückschlag erlitten. Ob sie sich langfristig tatsächlich verhindern lässt, muss jedoch bezweifelt werden.

Eine drakonische Haltung im Geldwesen hat in China lange Tradition: Im 13. Jahrhundert waren dort Händler, die das staatliche Papiergeld etwa wegen einer Inflation nicht annehmen wollten, mit der Todesstrafe bedroht. Bis vor vier Jahren galt in China noch die Todestrafe für gewaltlose Wirtschaftsvergehen wie etwa den Goldschmuggel.

In Europa und den USA ist noch offen, ob der chinesische Weg beschritten oder die Tür für einen innovationsfördernden Wettbewerb der Technologien und Anbieter geöffnet wird. Bisher beschränkten sich die westlichen Zentralbanken weitgehend darauf, die Banken ihres Systems vor dem Kontakt mit den jungen Konkurrenten unter Hinweis auf gewisse Nachteile oder Anlaufschwierigkeiten zu "warnen“.

Parlamente müssen Thema erkennen

Bevor diese Entwicklung eskaliert, sollten sich die Parlamente, als demokratisch den Zentralbanken übergeordnete Gewalten, dringend des Themas annehmen. Denn die Zentralbanken selbst stecken in einem Dilemma. In ihrer volkswirtschaftlichen Rolle müssten sie eigentlich eine aufgeklärte Haltung einnehmen und die Interessen der Staatsbürger vertreten. Aber da die Zukunft des eigenen Produkts am Spiel steht, wirken existenzielle Eigeninteressen einer unparteiischen Betrachtung entgegen. Den Zentralbanken die Entscheidung zwischen Erhaltung des (ihres) Monopols oder dessen Abschaffung zu überlassen, hieße den sprichwörtlichen Bock zum Gärtner zu machen.

Vergleich zu Telekommunikationsbranche

Die erfolgreiche Entwicklung des Wettbewerbs am Telekommunikationssektor könnte den Parlamenten hier als Leitlinie dienen. Es ist heute schon fast nicht mehr vorstellbar, dass vor gar nicht so langer Zeit das Recht Telefon- und Handydienste anzubieten, alleine in der Hand des Staates war. Wahrscheinlich erinnern sich nur wenige daran, dass man damals für ein Festnetzgespräch von Wien nach Innsbruck mehr zahlte als heute für Handygespräche im Auslandsurlaub. Die Wahlmöglichkeit der Konsumenten beschränkte sich darauf, das Einheitsplastiktelefon in Eierschalenfarbe, Rostrot oder Olivgrün zu bestellen. Und statt Internet gab es Bildschirmtext mit Apothekerpreisen pro Minute und oft sogar pro Seitenansicht.

Die Öffnung der Telekommunikationsbranche für den Wettbewerb ermöglichte dann ab den späten 80er Jahren ein immer schnelleres Innovationstempo: heute gibt eine schier unglaubliche Zahl und Qualität neuer Dienste von alternativen Anbietern, zu Kosten, die auch für die breite Masse bezahlbar sind.

Auch damals gab es zwei Alternativen: Die Führungsspitze einiger Post- und Telegraphen verwaltungen bauten ihre Aktivitäten zügig in wettbewerbsfähige Unternehmen um. Viele gründeten eigens Tochterunternehmen für Mobiltelefonie und Internet, um durch Fokus und Flexibilität ihre Anpassungsfähigkeit an neue Konkurrenten zu beschleunigen. Trotz der anfänglichen Widerstände gegen diese Unterfangen zählen diese heute durchwegs zu den erfolgreichsten und größten Unternehmen der Welt.

Die staatlichen Post- und Telegraphenverwaltungen der zweiten Art führten stattdessen einen Abwehrkampf, sie beschworen Schreckensbilder über den drohenden Zusammenbruch des Telefon netzes, der Wirtschaft und der Staatssicherheit herauf, wenn private Anbieter solch sensible Dienste betreiben und Ihnen Konkurrenz machen dürften.

Liberalisierung

Wie heute jeder weiß, ist genau das Gegenteil wahr. Würde heute das Parlament den Bürgern per Gesetz das Handy wegnehmen oder den Internetzugang entziehen wollen, würde es auf absolutes Unverständnis stoßen. Es wäre auch wirtschaftlich und sozial die falsche Politik. Würde die Telekom-Liberalisierung rückgängig gemacht oder die Einstiegshürden für neue Anbieter nicht mehr durch wettbewerbsfördernde Regulierung gesenkt werden, so würden wir alle bald auf neue Dienste "Bitte Warten…“ und wieder Monopolpreise zahlen müssen.

Die Angst der Zentralbanker vor Veränderungen ist durchaus begründet, denn die Vorteile des neuen Geldtypus sind bestechend: Kryptowährungen sind praktisch fälschungssicher, Zahlungen erfolgen in Sekundenschnelle statt in Tagen, sie erreichen auf genau gleiche Art jeden Punkt des Planeten. Und das rund um die Uhr, ohne Banköffnungszeiten, mit 100%iger Zuverlässigkeit und zu vernachlässig baren Kosten.

Vor allem aber: Die Geldmenge der führenden alternativen Währungssystem-Anbieter ist technisch fixiert, in der offen einsehbaren Basissoftware festverdrahtet; so können etwa maximal 21 Millionen Bitcoins produziert werden. Die "Kunden“ der Zentralbanken müssen hingegen in ständiger Angst vor deren Druckerpresse und steigender Inflation leben.

Zentralbanken können durch die Politik zum Gelddrucken animiert oder sogar angewiesen werden, aber Private werden nur dann freiwillig Staatsanleihen um ihre harten Bitcoins kaufen, wenn der Schuldenstand eines Staates im Verhältnis zu dessen Steuereinnahmen und dem angebotenen Zinssatz in gesunder Relation stehen.

Wie reagieren Zentralbanken?

Ob derzeit schon einige Zentralbanken die aufgeklärte erste Strategie umsetzen, ist nicht bekannt. Aber die Geschichte der Telekombranche ist ein Deja-vu, wenn man die Argumente der Zentralbanken der zweiten Art hört, welche die mögliche Konkurrenz durch alternative Währungen möglichst schon im Keim zu ersticken versuchen. Die Bemühungen ihrer Lobbyisten werden wohl noch verstärkt werden, denn die Marktkapitalisierung von Bitcoin beträgt inzwischen schon über 8 Milliarden US Dollar, was die stetig wachsende Bedeutung des jungen Wettbewerbers signalisiert.

Die "Warnungen“, die derzeit verstärkt an die Banken und ihre Mitarbeiter, besonders an aber Parlamentarier, Politiker und staatliche Entscheidungsträger ergehen, basieren prinzipiell auf Fakten. Bitcoins können gestohlen werden, hört man da, und ihr Kurs schwankt sehr stark. Sogar Waffen und Drogen könne jemand mit Bitcoins kaufen. Bei allen diesen Argumenten fragt man sich aber: Wo ist der Unterschied zu vielen Papierwährungen?

Rechtslage

Aber auch rechtliche Argumente werden ins Treffen geführt. Viele Bitcoin-Unternehmen würden außerhalb der heutigen staatlichen Regulierung arbeiten, die das Bankensystem sicher machen und Finanzkrisen verhindern soll. Insbesondere die letzten zwei Argumente zeugen in Würdigung der jüngeren Geschichte seit 2007 von Betriebsblindheit. Das Gegenteil ist der Fall. Absehbarerweise würde ein alternatives Finanz und Kreditsystem mit Kryptowährungen und ihren festprogrammierten Prinzipien künftig die meisten heutigen Regulative mit ihren verzerrenden Liquiditäts- und Reservebestimmungen obsolet machen. Die aus Fehlregelungen resultierenden Schuldenkrisen und Bankenzusammenbrüche würden zum Ding der Vergangenheit.

Wenn mehrere private Währungen konkurrieren, braucht die Politik auch nie wieder mit Gewalt akten die (eine) Monopolwährung oder systemkritische Banken „retten“. Nie wieder muss das knappe Budget zulasten der anderen staatlichen Aufgaben zweckentfremdet oder ganze künftige Generationen von Steuerzahlern in Anspruch genommen werden, um ein fehlerbehaftes und veraltetes Geldsystem – absehbarerweise ohnedies nur mittelfristig - aufrechtzuerhalten.

Fairer Wettbewerb

Die baldige Schaffung eines fairen Wettbewerbs erfordert jetzt schnellstmöglich Maßnahmen auf supranationaler Ebene, bei den Einzelstaaten und den Zentralbanken selbst. Prioritär ist die Trennung von hoheitlichen und unternehmenseigenen Aufgaben. Für erstere muss die Bankenaufsicht in eine Banken- und Währungsaufsicht erweitert werden und ihr die entsprechenden volkswirtschaftlichen und politischen Ziele (etwa Wertstabilität) vorgegeben werden.

Weiters müssen aus allen gesetzlichen Grundlagen, unter anderem Eurogesetz, Scheidemünzengesetz, Nationalbankgesetz und Steuergesetzen, sämtliche Bestimmungen entfernt werden, die alternativen Währungen entgegenstehen, eine bestimmte Währung bevorzugen oder die Monopolstellung einer Währung implizieren. Im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO müssen entsprechende Abkommen verhandelt werden, die den gegenseitigen Marktzugang neuer Währungen zwischen den teilnehmenden Staaten absichert.

Die Zentralbanken der ersten Art sollten sich durch einen Reihe von strategischen Maßnahmen bestmöglich auf den künftigen Wettbewerb vorbereiten. Analog zu den Mobilfunktöchtern der Telekom-Konzerne empfiehlt sich die rasche Gründung von spezialisierten Tochterunternehmen, um darin eigene Aktivitäten mit Kryptowährungen anzusiedeln und zu entfalten.

Dies streut das technologische Risiko, ermöglicht ein besseres Verständnis der neuen Wettbewerber und sichert strukturell die hohe strategische Aufmerksamkeit, die das Thema sonst wegen der (anfangs) geringen volumsmäßigen Bedeutung nicht bekommen würde.

Dieser wichtige Schritt hat einige Spielarten, die sich nicht notwendigerweise ausschließen. Das Tochterunternehmen könnte eine eigene Kryptowährung auflegen, um ein optimales Geldprodukt auf den Markt zu bringen. Die Möglichkeit, einfach auf Bitcoin selbst zu setzen, einen Hauptknoten im Bitcoin-Netzwerk zu betreiben, dieses zu ‚minen‘ und an dessen Weiterentwicklung mitzuwirken, verdient ebenfalls ernsthafte Würdigung.

Möglichkeiten: BitMark, BitSchilling oder BitEuro

Die Notenbanktochter könnte ihre Kryptowährung aber auch mit dem eigenen Papiergeld der Notenbank als Reservewährung wertmäßig koppeln, etwa eine BitMark, einen BitSchilling oder einen BitEuro abbilden. Sie könnten strategische Allianzen mit anderen alteingesessenen oder neuen Geldemittenten schließen, um in einer möglichst großen Währungszone kritische Masse aufzubauen. Diese Allianzen könnten auch durch Kapitalverflechtungen abgesichert werden. Nach Einrichtung eines wirksamen neuen Regulativs könnte – wie am Telekomsektor - ein Börsengang der reformierten Zentralbanken die Normalisierung der Branchenstruktur im Wirtschaftsgefüge abrunden.

Aber auch bezüglich der alten Technologie "Papier" müssen die monopolistischen Strukturen aufgebrochen werden, um individuelle Produktentscheidungen und damit wieder besseres Papiergeld zu ermöglichen. Die individuellen Notenbanken der EU-Staaten sollten neben dem Franchiseprodukt ‚Euro‘ auch ihre eigene Nationalwährung wieder ausgeben dürfen, um die strategischen Vorteile ihrer ursprünglichen Währungszone zu nützen oder etwa bei schlechtem Produktmanagement - d.h. Währungsmanagement - der EZB ein besseres eigenes Geld produzieren zu können. Sollte die EZB als Franchisegeber dies im Rahmen der legitimen Vertragsfreiheit verbieten, so wäre die Auftrennung der heutigen Institute in eine EZB-Filiale und eine eigenständige Notenbank der nächste Schritt.

Es braucht aufgeklärte Politiker

Um innovationshinderliche, sozial und wirtschaftlich nachteilige Monopole aufzubrechen, brauchte es in der Vergangenheit immer aufgeklärte Politiker, die durch demokratischen Druck der Wähler unterstützt werden, klare Stellungnahmen unabhängiger Wirtschaftswissenschafter, der Konsumentenschützer und der Wirtschaftsvertretungen. Dies gilt um nichts weniger für die dringend erforderliche Neuordnung des Geldwesens, eines der letzten problematischen Staatsmonopole.

Historische Chance

Die politischen Entscheidungsträger und das Parlament sollten diese historische Chance ergreifen, durch mehr Wettbewerb die Weichen für ein stabileres Geld- und Wirtschaftssystem zu stellen. Aber selbst die Zentralbanken können in Wahrheit von der Entwicklung profitieren: da sie sich gegenüber den neuen Wettbewerbern behaupten müssen, werden sie künftig zum Nutzen der breiten Bevölkerung der Stabilität ihrer Währung mehr Bedacht schenken, sich reorganisieren, wettbewerbsfähig, effizienter und schlanker werden müssen. Weg mit dem Speck. (Leserkommentar, Hubertus Hofkirchner, derStandard.at, 10.6.2014)

Hubertus Hofkirchner ist freier Unternehmer und Ökonom in Wien. Von 2001 bis 2005 war er Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsrat des Mobil- und Festnetzanbieters Tele.ring, zuvor Direktor der Creditanstalt Investment Bank und nebenberuflicher Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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