Im Super-Gau der Liebe

9. Juni 2014, 21:53
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Fünfmal stirbt die Julia in "Juliettttt" von Sungmin Hong bei den Wiener Festwochen

Die Darstellung dieses Scheiterns auf der Bühne beleuchtet der südkoreanische Künstler Sungmin Hong in seinem Tanztheater Juliettttt, zu sehen bei den Festwochen im Brut-Theater, unter zwei zeitgenössischen Aspekten: einerseits mit der Übertragung des Romeo-und-Julia-Stoffs aus den Zusammenhängen der europäischen in die einer asiatischen Kultur. Und zum anderen durch die Methode, aus fünf existierenden koreanischen Bühnenproduktionen die Julia herauszulösen und diese Figuren miteinander zu verknüpfen.

Jede von Hongs wunderschönen Julien repräsentiert ein bestimmtes populäres Bühnengenre: Jugenddrama, Sozialdrama, Musical, die traditionelle koreanische Oper und das alte europäische Drama in seiner Übertragung in Südkoreas Kultur. Ein wenig erinnert diese Situation an das Stück The Last Performance (1998) des Choreografen Jérôme Bel, in dem Hamlet, von verschiedenen Darstellern verkörpert, mehrmals hintereinander auftritt.

Doch anders als der Franzose interessiert sich der Koreaner nicht für die Wechselbeziehung zwischen der Repräsentation einer Bühnenfigur und der Wirklichkeit ihrer Darsteller, sondern vielmehr für die Interferenzen zwischen den verschiedenen Genres und Kulturen. Durch die Abwesenheit aller fünf Romeos wird die Aufmerksamkeit des Publikums ganz auf die Besonderheiten jeder Julia-Interpretation gelenkt. Da die Julien so gut wie immer gleichzeitig auftreten, die Handlung nicht in Gänze durchgespielt, sondern auf eine Collage aus wenigen Schlüsselszenen reduziert wird, spielen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Auffassungen des Charakters eine tragende Rolle.

Das ist sehr postmodern, was im europäischen Zusammenhang bereits den Eindruck eines historischen Rückgriffs hervorruft: Über Dekonstruktion und Rekombination rückt das künstlerische Trägermedium als Inhalt ins Zentrum des Stücks. Was bei Bel, dessen Frühwerk Jérôme Bel übrigens im Sommer bei Impulstanz wieder zu sehen ist, vor 16 Jahren noch für Unmutsäußerungen gesorgt hat, erzeugt heute bei Hong überraschend ungeteilten Beifall. Wohl auch, weil Juliettttt einer wesentlich bekömmlicheren Dramaturgie folgt als The Last Performance.

Auffallend schließlich ist, wie sehr bei Hong die Julia-Figuren an Shakespeare kleben bleiben. Da ist noch Raum für Aktualisierungen - auch in Europa, wo die Utopie der Liebe, die bei Shakespeares Romeo und Julia als Aufstand gegen ein beziehungspragmatisches Establishment verstanden wird, ihren Super-Gau erfährt: Sie gilt längst als "uncool". (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 10.6.2014)

Bis 10. 6.

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