Yes or No: Die Stunde der Strategen in Schottland

10. Juni 2014, 05:30
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In 100 Tagen stimmen die Schotten in einem Referendum über die Unabhängigkeit von Großbritannien ab

Zu Beginn der neuen Woche müssen sich die Schotten auf einen Anzeigensturm vorbereiten. Genau 100 Tage sind es an diesem Dienstag noch bis zur Volksabstimmung über die Unabhängigkeit. Beide Seiten planen gewaltige Medienkampagnen, um bis zum 18. September die Unschlüssigen auf ihre Seite zu ziehen.

Sogar Barack Obama hat sich jüngst dazu geäußert. Die Abspaltung der Nordprovinz vom Londoner Zentralstaat sei natürlich Sache der Menschen dort, sagte der US-Präsident auf seinem Europa-Besuch, ließ aber seine Präferenz deutlich erkennen: "Wir haben natürlich erhebliches Interesse daran, dass einer unserer engsten Verbündeten ein robuster, vereinter und effektiver Partner bleibt."

Nationalistenführer Alex Salmond reagierte auf die Wortmeldung mit seiner charakteristischen Mischung aus Humor und Herablassung. "Yes, we can", hielt er Obama entgegen und betonte, die USA würden in Zukunft "zwei Verbündete haben statt einem". Dabei unterschlägt Salmond die Schwächung, die Großbritannien durch die Teilamputation widerführe. Nicht zuletzt müssten sich die Briten einen neuen Standort für ihre atombewaffneten U-Boote suchen, die bisher in Faslane bei Glasgow beheimatet sind.

Die Strategen vor Ort konzentrieren ihre Kampagne auf die Stimmbürger ab 16 Jahren, die bei der Abstimmung entscheiden werden. Nach Übereinstimmung beider Lager könnten vor allem die Wähler aus der Arbeiterschicht im Großraum Glasgow den Ausschlag geben. Traditionell strikte Labour-Anhänger, aber von der langjährigen Hegemonie ihrer Partei in Schottland enttäuscht, sind viele in jüngster Zeit zur Nationalistenpartei SNP übergelaufen oder frustriert der Urne ferngeblieben. Bei der Europawahl Ende Mai entschieden sich auch immerhin 10,4 Prozent der Schotten für die EU-feindliche Ukip.

Diesen Wählerschichten gehe es ganz pragmatisch um die Frage, ob das Vereinigte oder das Klein-Schottische Königreich besser für ihr Fortkommen sorgen könne, glauben die Strategen. Und so bombardieren sie die Schotten seit Monaten mit schwer nachprüfbaren Statistiken.

Gegen die Unabhängigkeit

Man werde vom Zugriff aufs Nordseeöl profitieren, sagen die Befürworter der Loslösung. Im Gesamtstaat werde jeder Bürger nördlich des Hadrianswalls künftig genau 1724 Euro pro Jahr mehr in der Tasche haben, verkündet die Dachorganisation "Gemeinsam besser", die fürs Nein zur Unabhängigkeit streitet. Laut dem Glasgower Politikprofessor John Curtice würde die Abstimmung derzeit mit 42 zu 58 Prozent gegen die Unabhängigkeit ausgehen.

Veränderungen stehen den Schotten auf jeden Fall ins Haus. Einem neuen Gesetz der konservativ-liberalen Koalition zufolge soll die Einkommensteuer von 2016 zwischen London und Edinburgh geteilt werden; bisher hängt Schottland weitgehend am Tropf der Zentralregierung. Und alle drei landesweiten Unionisten-Parteien haben Blaupausen vorgelegt, in denen der Nordprovinz größere Autonomie versprochen wird. Damit haben Labour, Liberaldemokraten und Konservative den Nationalisten ein wichtiges Argument aus der Hand geschlagen: Ein Nein zur Unabhängigkeit bedeutet nun keinesfalls mehr ein Beharren auf dem Status quo.  (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 10.6.2014)

  • Ein Befürworter der schottischen Unabhängigkeit.
    foto: ap / jill lawless

    Ein Befürworter der schottischen Unabhängigkeit.

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