Der umstrittene Tod durch die Spritze

10. Juni 2014, 05:30
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Nach dem qualvollen und langsamen Sterben zweier Todeskandidaten ist in den USA eine Debatte um die Giftspritze entbrannt

Es war der qualvolle Tod von Dennis McGuire, mit dem sich das Blatt zu wenden begann. Am 16. Jänner, kurz nach zehn Uhr morgens, ließ sich der 53-Jährige im Gefängnis von Lucasville in Ohio auf eine Pritsche schnallen. Ärzte stachen ihm Kanülen in die Armbeugen, in ein Mikrofon, das von der Decke heruntergelassen wurde, sprach er seine letzten Worte.

McGuire bat die Familie von Joy Stewart, einer jungen, schwangeren Frau, die er entführt, vergewaltigt und schließlich getötet hatte, um Verzeihung. Dann verabschiedete er sich von seinen Kindern, die hinter Glas in einem Nachbarraum zuschauten. Um 10.27 Uhr gab ein Wärter das Signal zur Exekution.

Ungefähr drei Minuten sollte es dauern, bis die Giftspritze ihre Wirkung erzielte. Doch nach drei Minuten krümmte sich McGuire immer noch vor Schmerzen, rang nach Luft, versuchte verzweifelt, sich aufzurichten und die Gurte, die ihn fesselten, irgendwie abzustreifen. Gurgelnde Geräusche seien zu hören gewesen, berichteten Augenzeugen. Erst nach 26 Minuten war er tot.

Ende April durchlitt Clayton Lockett, der Mörder einer Neunzehnjährigen, in Oklahoma 43 grauenvolle Minuten auf der Pritsche der Todeskammer, ehe er einer Herzattacke erlag. Auch in seinem Fall hatte die Giftspritze versagt.

Im Mai schließlich stoppte der Oberste Gerichtshof in Washington eine geplante Exekution in Missouri. Die letzte Instanz gab Russell Bucklew recht, einem Hinrichtungskandidaten, dessen Anwälte auf die deformierten Gefäße ihres Mandanten verwiesen hatten. Angesichts der Krankheit, argumentierten sie, könnte Bucklew einen langsamen, grauenvollen Erstickungstod sterben.

Weiterhin Routine im Süden

Noch ist nicht abzusehen, welche Folgen das Urteil über Missouri hinaus hat, wenn überhaupt. In Huntsville, wo mehr Menschen hingerichtet werden als irgendwo sonst in der westlichen Welt, scheint es die Routine vorerst kaum zu stören. Allein in diesem Jahr stehen in "The Walls", der berühmt-berüchtigten Haftanstalt der texanischen Kleinstadt, noch fünf Exekutionen auf dem Kalender.

Amerikaweit aber ist die Todesstrafe eindeutig auf dem Rückzug - ein Trend, den die jüngsten Kontroversen um den Giftcocktail noch beschleunigen dürften. Noch gibt es eine Mehrheit für "capital punishment", allerdings deutlich knapper als vor zwanzig Jahren. Hatten damals, nach den Zahlen des Gallup-Instituts, 80 Prozent der Amerikaner sie für richtig befunden, so sind es heute nur noch 55 Prozent.

Im Laufe der vergangenen sieben Jahre entschieden die Wähler in sechs US-Staaten, die Strafe aus dem Gesetz zu streichen. In 32 Staaten steht sie zwar nach wie vor in den Statuten, doch von denen hat knapp die Hälfte seit 2010 niemanden mehr exekutiert. In einem Satz: Das Land ist geteilt.

Der drakonischen Härte des konservativen Südens steht ein Denken im Norden und Nordosten gegenüber, das sich zunehmend an europäischer Liberalität orientiert. Nahezu zwei Drittel aller Hinrichtungen entfallen auf Texas, Virginia, Oklahoma und Florida. Und fast immer bedient man sich dabei tödlicher Injektionen.

Bis 2011 waren es in aller Regel drei Wirkstoffe, die den Todeskandidaten in die Venen gespritzt wurden: zuerst das Betäubungsmittel Thiopental, als Nächstes Pancuroniumbromid, das die Muskeln lähmt, schließlich Kaliumchlorid, das den Herzschlag stoppt. Dann aber stellte der einzige amerikanische Hersteller von Thiopental die Produktion ein. Die Firma befürchtete Geschäftseinbußen in Europa, wenn sie ein weiteres Medikament für Hinrichtungen auf den Markt bringt.

Aus demselben Grund lehnen es europäische Pharmaunternehmen ab, das Mittel in Amerika zu verkaufen. In der Folge experimentieren Bundesstaaten mit unzureichend getesteten Alternativen. Woher sie die beziehen, hat man in manchen Fällen zur Geheimsache erklärt. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 10.6.2014)

Wissen: Hinrichtungsarten in den USA

Die erste Hinrichtung mit der Giftspritze in den Vereinigten Staaten fand 1982 in Texas statt. In den meisten Bundesstaaten ist die Giftspritze heute Haupthinrichtungsmethode, doch seit die EU 2011 eine Ausfuhrgenehmigungspflicht für die nötigen Medikamente verhängt hat, überlegen viele Staaten die Rückkehr zu anderen Hinrichtungsarten. Dazu zählen: die Elektrokution, Gaskammer, Erhängen und Erschießen. In den USA wurden im Vorjahr 39 Menschen hingerichtet. Weltweit wenden 58 Länder die Todesstrafe im Strafrecht an. (juh)

  • Die erste Hinrichtung mit der Giftspritze in den Vereinigten Staaten fand 1982 in Texas statt. In den meisten Bundesstaaten ist die Giftspritze heute Haupthinrichtungsmethode.
    foto: ap/risberg

    Die erste Hinrichtung mit der Giftspritze in den Vereinigten Staaten fand 1982 in Texas statt. In den meisten Bundesstaaten ist die Giftspritze heute Haupthinrichtungsmethode.

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