Der Erlöser, die Seleção und kein Knoblauchboom

9. Juni 2014, 18:14
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Ein Besuch im Trainingslager der brasilianischen Nationalmannschaft ist ebenso aufschlussreich wie die Busfahrt hinauf zur Christusstatue. Man sollte beides nicht versäumt haben

Da steht seit Oktober 1931 Christus der Erlöser, portugiesisch Cristo Redentor, auf dem Gipfel des Morro de Corcovado. Er hat eine Spannweite von 28 Metern, die Arme sind waagrecht ausgebreitet. Sein Blick ist auf den Zuckerhut und eher nicht aufs Maracanã-Stadion gerichtet. Wobei eine Statue, auch wenn sie 38 Meter hoch und aus Stahlbeton gebaut ist, vermutlich nichts sieht. Rio-Touristen werden mit Kleinbussen den Berg hinaufchauffiert. Es ist eine Massenabfertigung, auf den Kopfsteinpflasterserpentinen quert ein Affe vermutlich zufällig die Straße. Die Art konnte mangels zoologischer Ausbildung nicht identifiziert werden. Er war jedenfalls ziemlich klein, also kein Schimpanse oder Berggorilla.

Um 50 Reais, das sind ungefähr 17 Euro, ist man dem Erlöser ganz nahe, Anfahrt und Affe inklusive. Der gemeine Besucher breitet dann ebenfalls seine Arme aus, um Gott ähnlicher zu sein. Wobei der Mensch maximal zwei Meter schafft. Das gibt trotzdem ein lustiges Selfie fürs Facebook. Man kann freilich auch in sich gehen und Fragen stellen. Mag Gott die Fußball-WM? Ist er dafür oder dagegen? Ist sie nur eine weitere Prüfung für das geplagte, unter Korruption leidende brasilianische Volk? Sind ihm deshalb Joseph Blatter und die Fifa eingefallen? Liebt Gott die Fifa? Ist sie auch nur eines seiner unzähligen Schäfchen? Macht Blatter Selfies?

Ortswechsel. Teresópolis liegt im Bundesstaat Rio, rund 100 Kilometer vom Erlöser entfernt. Die Stadt hat 150.000 Einwohner, sie ist umgeben von grünen Hügeln. Der Nationalpark Serra dos Órgãos ist quasi mit einem Affensprung erreichbar. Die Menschen leben vom Tourismus und der Landwirtschaft, es gibt weit ärmere Gegenden in Brasilien.

In diesen Tagen erreicht der Aufschwung nahezu astronomische Ausmaße. Die Seleção, die abgöttisch geliebte Nationalmannschaft, hat hier ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Nach jeder Partie kehrt sie zurück. Im Idealfall und ein letztes Mal nach dem Finale am 13. Juli. Zum Feiern und zum Kofferpacken. Der Clube Comary ist eine weitläufige Anlage, die sämtliche Stücke spielt. Was für das österreichische Team bei der Heim-EM 2008 Stegersbach war, ist für den WM-Gastgeber 2014 eben Teresópolis. Allerdings ist der brasilianische Fußballverband CBF Miteigentümer des mondänen Clube Comary. Dem ÖFB gehört in Stegersbach absolut nichts.

Hysterie pur

Der Stützpunkt ist logischerweise streng bewacht und alarmgesichert. Er wird von hunderten, in gelben Nationaltrikots gekleideten Fans um- und belagert. Als zu Mittag der Bus mit der Seleção angekommen ist (wie üblich in Brasilien verspätet), frage nicht, Hysterie pur. Neymar hat aus dem Fenster gewinkt. Für die einheimischen Journalisten, es sind mehr als sehr viele, wurde neben einem der Trainingsplätze ein riesiges Zelt hingestellt, das rund um die Uhr geöffnet hat. Zu interessieren hat, was übertragen wird. Hulks Stangenschuss nach den Aufwärmübungen reicht fürs Hauptabendprogramm allemal.

Die Einheit ist kurz und entspannt geraten, Teamchef Felipe Scolari hat sich mit theatralischen Gesten zurückgehalten. Die Pressekonferenz wurde um kaum sechs Stunden nach hinten verlegt, kein Murren, in Brasilien zählt das Warten zu den Tugenden. Die Stürmer Fred und Bernard haben ein paar Fragen durchaus ausführlich beantwortet, nichts Aufregendes, aber doch Zufriedenstellendes. Die Stimmung sei bestens, die Mannschaft hochkonzentriert und gut vorbereitet. Sie achte sämtliche Gegner, unterschätzt werde niemand, Fußball sei kein Selbstläufer. Fred: "Wir wissen, dass wir große Verantwortung tragen. Brasilien soll zum sechsten Mal Weltmeister werden." Applaus.

Zurück in Rio. Ein alter Mann sitzt noch immer an derselben Straßenecke in Flamengo. Er hat den ganz Tag lang Knoblauch verkauft, ausschließlich Knoblauch. Die Geschäfte sind traditionell schlecht gegangen. Als wären seine Falten im Gesicht nicht tief genug, wackelt jetzt auch das bereits dreimal geflickte Bein seines Hockers. Von der WM erwartet er sich keinen wirtschaftlichen Aufschwung, keinen Knoblauchboom, keinen neuen Sessel, keine Erlösung. Sie beginnt dennoch am Donnerstag, die Seleção eröffnet in São Paulo gegen Kroatien. Der alte Mann wird vor irgendeinem Fernseher sitzen. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 10.6.2014)

  • Viel Spaß in Teresópolis: Neymar, Dani Alves und Fred (von links)  genießen die letzten Tage vor dem Anpfiff.
    foto: ap/correa

    Viel Spaß in Teresópolis: Neymar, Dani Alves und Fred (von links) genießen die letzten Tage vor dem Anpfiff.

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