Offener Streit über Antisemitismus im Hause Le Pen

9. Juni 2014, 18:04
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Nach den Wahlsiegen des französischen Front National geraten Jean-Marie und Marine Le Pen aneinander

Solche Wortspiele liebt der sprachgewaltige Altpräsident des Front National (FN). Auf dem Parteisender gefragt, was er vom Künstler Patrick Bruel halte, antwortete Jean-Marie Le Pen lachend: "Daraus werden wir nächstes Mal eine Ofenladung machen." Der jüdische Schauspieler und Sänger hatte zuvor erklärt, er werde nicht an Orten auftreten, die der FN bei den Gemeindewahlen von Ende März erobert habe. Das Wort Ofenladung, auf Französisch "fournée", erinnert an Le Pens bekanntestes Wortspiel von 1988 über den damaligen Minister Michel Durafour und ein "Krematorium" - das heißt die Gaskammern der Nazis.

Die NGO SOS Racisme und ihre Schwesterorganisation Mrap kündigen nicht zum ersten Mal eine Gerichtsklage gegen Le Pen an. Gänzlich neu war jedoch die Reaktion in seiner eigenen Partei. Vizechef Louis Aliot, der Lebenspartner von Marine Le Pen, kritisierte den "üblen Satz", der "politisch dumm und konsternierend" sei. Le Pen konterte sofort, dumm sei es nur, seine Worte als antisemitisch zu interpretieren. Darauf hakte aber seine Tochter nach. Die Aussage sei ein "politischer Fehler, dessen Konsequenzen der FN zu tragen" habe, urteilte die heutige FN-Vorsitzende Marine Le Pen.

Die erste Maßregelung dieser Art veranlasste den "Alten", wie er in Frankreich häufig genannt wird, aber noch lange nicht, seinen Mund zu halten. Ein Fehler sei es nur, dem "Einheitsdenken" zu folgen, erklärte er. Das war eine implizite Kritik an der "marineblauen Sammelbewegung" (RBM), die seine Tochter in Abgrenzung zum rechtsextremen FN-Image zu fördern versucht. Le Pen senior tut sie als "bizarre Formation ohne Gehalt" ab.

Die Frage des Königs

Damit ist der latente Kursstreit im FN offen ausgebrochen. Wie die alte Garde verteidigte auch der FN-Recke Wallerand de Saint-Just den Le-Pen-Spruch als "harmlos". Der "marineblaue" Staranwalt Gilbert Collard legt dem Parteigründer hingegen den Rücktritt nahe: "Der spanische König ist abgetreten. Jean-Marie täte gut daran, sich die gleiche Frage zu stellen."

Dass der Streit im FN gerade jetzt aufkommt, hat politische, aber auch persönliche Gründe. Nach ihren jüngsten Wahlerfolgen nimmt die 45-jährige Parteichefin Kurs auf die Präsidentschaftswahlen von 2017, und zu diesem Zweck will sie die Partei vom "braunen" Untergrund säubern. Das Haupthindernis dabei ist ihr eigener Vater.

Der 85-jährige Glasaugenträger verfügt in seiner Partei noch über großen Rückhalt. Und er goutiert es offensichtlich nicht, dass seine Tochter mehr Erfolg als er selber hat; mit 25 Prozent bei den Europawahlen hat sie seine Formation zur stärksten Partei Frankreichs gemacht.

In letzter Zeit durchkreuzt der Vater die Mäßigungstaktik seiner Tochter immer wieder mit widerlichen Sprüchen - kurz vor den Wahlen etwa mit einem Lob für die (immigrationstötende) Wirkung des Ebolavirus in Afrika. Und jetzt wieder der Antisemitismus. Wenn Neid sein Grundmotor ist, muss man nicht weit suchen, warum Le Pen senior gerade jetzt ausfällig wird, da ihm seine eigene Tochter den Rang abläuft. In ihrer Luxusresidenz in Saint-Cloud bei Paris, wo Marine Le Pen ein umgebautes Stallgebäude im Schatten von Papas Villa bewohnt, hängt der Haussegen derzeit ziemlich schief. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 10.6.2014)

  • Marine Le Pen verurteilte die Äußerung ihres Vaters Jean-Marie als "politischen Fehler".
    foto: ap / claude paris

    Marine Le Pen verurteilte die Äußerung ihres Vaters Jean-Marie als "politischen Fehler".

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