Schlösser als Liebesbeweis zu schwer für Pariser Brücke

9. Juni 2014, 12:34
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In Paris wird das Phänomen der "Liebesschlösser" zur Plage: Ein Geländer der Pionierbrücke ist am Wochenende eingestürzt

Paris - Liebe kann vielleicht nicht Sünde sein, aber ganz schön schwer wiegen. Auf dem Pont des Arts in Paris, der bekannten Fußgängerbrücke über die Seine, wiegt sie etwa 40 Tonnen – in Zahlen gesprochen. Das ist jedenfalls das Schätzgewicht von 700.000 Schlössern, die Verliebte über die Jahre hinweg am Geländer angebracht haben – um dann den Schlüssel ins Wasser zu werfen.

Keine Verletzten

Am Sonntag sind diese Beweise ewig währender Liebe allerdings wie ein Kartenhaus umgefallen. Und das ist nicht etwa symbolisch gemeint: Auf einer Länge von zweieinhalb Metern stürzte das von Eisenschlössern bepackte Geländer um. Zum Glück fiel es nur auf die Holzplanken, ohne die Passanten zu verletzen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die fast tonnenschwere Last in die Seine gestürzt wäre, während unten gerade eines der vielen Vergnügungs- und Panoramaschiffe vorbeifuhr.

Die Polizeipräfektur schloss die Brücke umgehend, versprach aber, das Geländer rasch zu reparieren und nach einem oder zwei Tagen wieder für die Flaneure zu öffnen. Paris ist derzeit voll von Touristen. Darunter sind natürlich viele Verliebte, die vor allem aus einem Grund in die Stadt der Liebe gekommen sind: um ein Liebesschloss an der Pont des Arts zu hinterlassen.

Kaum noch Platz für neue Schlösser

In den letzten Monaten hatte das Phänomen der "cadenas d'amour" allerdings solche Ausmaße angenommen, dass kein einziger Platz mehr für das Anbringen eines auch nur winzigen Schlösschens bestand. Diese werden deshalb bereits in zweiter und dritter Reihe an ihresgleichen angehängt. Oder auf anderen Fußgängerbrücken namens Simone-de-Beauvoir oder Léopold-Sedar-Senghor. Ein paar Dutzend wurden schon am Eiffelturm entdeckt.

Und dort wird das Problem sehr ernst. Ein Schlösserteppich kann nämlich auf Passanten fallen oder, hypothetisch noch schlimmer, die ganze Trägerstruktur überlasten. Der Pont des Arts wird zwar regelmäßig kontrolliert, und die Stadtarchitekten sind zuversichtlich, dass die Brücke das Gewicht problemlos tragen könne. Der Geländereinsturz von Sonntag zeigt aber, dass zumindest Bauwerksteile in Mitleidenschaft gezogen werden können.

Petition für Schlösserverbot

Dazu kommt die ästhetische Beeinträchtigung: Die "Brücke der Künste" wirkt nicht mehr federleicht und transparent, sondern bleischwer und sichthemmend. Zwei Amerikanerinnen mit Wohnsitz in Paris haben deshalb eine Petition für ein Schlösserverbot auf der filigranen Fußgängerbrücke gestartet und in Kürze 5.000 Unterschriften gesammelt. In Rom sei das Anbringen solcher Schlösser unter Androhung von Bußgeld verboten, argumentiert Lisa Taylor Huff. "Indem die Stadt Paris nichts dagegen unternimmt, berücksichtigt sie die Interessen der Touristen statt der Einwohner."

Der Geländeeinsturz auf der Brücke, wo die Mode der Liebesschlösser begann, dürfte die Debatte nun über Paris hinaus bis nach China oder die USA tragen, wo Nachahmer fleißig am Werk sind. Das Dumme an den Schlössern ist, dass sie sich nicht abnehmen lassen und auch nicht von selbst abbauen. Das hat natürlich seinen tieferen Grund: Die Halbwertszeit eines Schlosses soll so lang sein wie die von alter Liebe, die ja auch nicht rostet. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 9.6.2014)

  • Seit 2008 ist das Anbringen von Liebesschlössern im Trend.
    foto: ap/camus

    Seit 2008 ist das Anbringen von Liebesschlössern im Trend.

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