Jubel für Kriegsverbrecher

Kommentar8. Juni 2014, 15:33
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Das unkritische Verhalten der Exekutive und der Kirche legitimiert und perpetuiert die Radikalisierungen am Balkan

Wie ein Popstar muss er sich gefühlt haben, als der vom Haager Tribunal verurteilte bosnisch-kroatische Kriegsverbrecher Dario Kordić am Freitag von 200 jubelnden Getreuen und seiner Familie bei seiner Rückkehr nach der vorzeitigen Entlassung aus dem Grazer Gefängnis Karlau am Zagreber Flughafen empfangen wurde. Lediglich die Zwischenrufe von Zoran Scout Ivančić, einem bekannten kroatischen Aktivisten, der Kordić als "Mörder“ und "Satan“ bezeichnete, vermochten die "Feierlichkeiten“, die von bekannten Thompson-Liedern musikalisch untermalt wurden, ein wenig zu trüben.

Als die Anhänger Kordićs daraufhin Ivančić physisch angriffen, versuchte dieser gemeinsam mit der Aktivistin Sabina Šabić, die ein Transparent mit der Zahl 116 hochhielt (Anm, die Anzahl der umgebrachten Personen aus dem bosnischen Dorf Ahmići, für deren Ermordung Kordić verurteilt wurde), vor der wütenden Meute zu fliehen. Die Polizei musste intervenieren und führte zur Verwunderung vieler Ivančić ab und zeigte ihn an. Warum die Schläger nicht belangt wurden, ist bis dato nicht bekannt. Die Signale, die damit an die Zivilgesellschaft und die Aktivisten gesendet werden, sind aber eindeutig. Genauso wie die Signale der katholischen Kirche.

Gefährliche Signale der Kirche

Die katholische Kirche in Kroatien ließ sich nicht entgehen, den verurteilten Kriegsverbrecher bei dessen Rückkehr ihre Ehrerbietung zu erweisen. Der aus Sisak kommende Bischof Vlado Košić hielt sogar direkt am Flughafen eine kurzes Gebet und Kordić rief seine Anhänger anschließend zu einer Messe in der Zagreber Kathedrale auf.

Einem uneinsichtigen Kriegsverbrecher, der sich bis heute für seine Taten nicht entschuldigte, da er nach eigener Ansicht zu Unrecht verurteilt wurde, und dieses "Opfer“ des Haftantritts bloß für seine "Heimat“ über sich ergehen ließ, diese Würde zu kommen zu lassen, ist nichts anderes als ein Zeichen, dass die Kirche Verbrechen toleriert. Wie auch, dass Verbrechen im Namen der Heimat ohne jegliche Anzeichen von Einsicht von "Gottesgesandten“ verziehen werden.

Wie bereit ist die Heimat?

Kordić selbst fügte bei seiner Rückkehr hinzu, dass das ein großer Sieg für alle Kroaten sei, aber "dieser Sieg nicht endgültig ist, bevor nicht alle Gefangenen aus Den Haag und anderen Gefängnissen den Heimatboden berühren“. Dass bei dem Empfang natürlich auch "Za dom spremni“ ("Für die Heimat – Bereit!") skandiert wurde, versteht sich wohl von selbst. Die Frage bleibt jedoch offen, wie bereit die Heimat aber ist, den rückkehrenden Kriegsverbrechern ihre adäquate Position in der Postkriegsgesellschaft zuzuweisen, beziehungsweise welche: Sind sie Helden, die gewürdigt gehören oder Kriegsverbrecher, die als beschämendes Beispiel für eine hoffentlich nie wieder zurückkehrende Zeit gesellschaftlich stigmatisiert werden?

Damit steht Kroatien natürlich nicht alleine da. Schon die Rückkehr anderer Kriegsverbrecher wurden sowohl in Serbien, Bosnien und Herzegowina als auch in Kroatien beinahe ohne jeglichen sichtbaren Widerstand aus der Zivilgesellschaft von dessen Anhängern, teils auch von der offiziellen Politik unterstützt, zelebriert.

Fehlende kritische Masse

Selbst wenn zahlreiche Zeitungen am Balkan diese Ereignisse kritisieren, und erfreulicherweise gibt es sie, ist ohne eine kritische Mehrheit die Aussöhnung am Balkan nicht möglich. Denn jede Feier bei der Rückkehr von (uneinsichtigen) Kriegsverbrechern ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer des Krieges.

Eine kritische Masse kann aber nur schwer entstehen, wenn einzelne Kritiker Aktivisten nicht nur Prügel der Unterstützer von Kriegsverbrechern über sich ergehen lassen müssen, sondern auch noch von der Polizei für ihre kritische Haltung angezeigt werden. Dieses Verhalten der Exekutive und der Kirche legitimiert und perpetuiert die Radikalisierungen am Balkan. Die politische Rechte reibt sich schon die Hände, während die politische Linke (in Kroatien) schweigt und weiterhin ihrem politischen Suizid stumm entgegengeht. (Siniša Puktalović, 8.6.2014, daStandard.at)

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