Prince live in Wien: Zärtlich kreischen die Gitarren

8. Juni 2014, 13:34
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Prince feierte am Samstag bei einem kurzfristig anberaumten Konzert vor 10.000 Besuchern in der Wiener Stadthalle Geburtstag. Er ist jetzt 56 Jahre alt. Das mussten seine Gitarren büßen. Es war unfassbar laut. Alle waren begeistert. Bei "Purple Rain" haben Menschen geweint

Wien - In der Geschichte der Überführung sexueller Triebe in andere Lebensbereiche wie Kunst, Kultur oder Muckibude nimmt die elektrische Gitarre Ende des 20. Jahrhunderts eine wichtige Position ein. Neben Porsche, Boxschule, Motorrädern oder Skischuhen mit Jetstütze galt es damals als Zeichen äußerster libidinöser Ausgeglichenheit, solistisch kreativ tätig zu werden. In der Welt der Psychocouch nennt man das (Trieb-)Sublimierung. Manche Wissenschaftler vermuten in dieser Veredelung primitiver menschliche Triebe die Geburt, ja, den Grundantrieb der menschlichen Zivilisation.

In den Städten kletterten in besagtem 20. Jahrhundert jedenfalls meist männliche Jugendliche mit Klampfe in modrige städtische Keller mit 25-Watt-Lampen, auf dem Land vergnügte sich der Nachwuchsrocker in Heustadeln, Werkzeugschuppen oder aufgelassenen Hühnerställen. Wichtig war, dass es ordentlich jaulte und kreischte. Es gab amtlich bestätigte Gitarrengötter wie Jimmy Page von Led Zeppelin oder Jimi Hendrix von der Jimi Hendrix Experience. Ihre Riffs beinhalten neben enorm Blues als ureigene Form, Gefühle männlichen Unverstandenseins oder Protests auszudrücken auch jede Menge Funk. Funk ist ein US-amerikanisches Slangwort, das sich von der fast gleich lautenden Bezeichnung ableitet, es miteinander ordentlich zu treiben. Wir sehen, auch bei Populärmusik kann man etwas lernen.

Alles hängt mit allem zusammen

Prince Rogers Nelson ist mit biografischer Zwischenschaltung Disco und Funk ein spätes Relikt dieser längst untergegangenen Ära. Gerade wieder spielt er in der Wiener Stadthalle eines seiner bekanntlich sehr dringlichen Jaul- und Kreischsolos auf einer gut in Schuss gehaltenen, ursprünglich aus Großbritannien kommenden, aber in den 1980er-Jahren produktionsmäßig nach Japan ausgelagterten Vox-Vintage-Gitarre. Sehr wahrscheinlich finden die Klänge der blues-getränkten Klampfe über Vox-Verzerrer in die Ohren des Publikums. Jimmy Page und Jimi Hendrix benutzten die. Alles hängt mit allem zusammen.

Prince jedenfalls feiert heute Geburtstag. Er wird 56, möchte aber nicht darüber sprechen. Ein Geburtstagsständchen des Publikums wird mit dem meinungsstarken Hinweis des Künstlers kommentiert, dass er immer jünger werde und an Alterungsprozessen nicht interessiert sei. Klar, er kommt aus dem Superstar-Gesamtpaket Madonna, Prince, Michael Jackson. Gemeinsam regierte man in den 1980er-Jahren die Welt. Heute ist gestern ist morgen. Im Saal herrscht striktes Fotoverbot. Gestern gab es Fotos, die auch morgen noch gelten. Wer sich mit seinem Handy nicht daran hält, wird innerhalb einer Minute von herbeigestürmten cornettoförmigen Sicherheitsleuten darauf hingewiesen, dass er einen festen Pascher hat. Auch eine Möglichkeit, Geld zu verbrennen: Leute beschäftigen, die darauf achten, dass man in einer kurzfristig von Prince vor elf Tagen anberaumten öffentlichen Veranstaltung vor 10.000 zahlenden Besuchern nicht mit verwackelten, wegen der Bühnenscheinwerfer überbelichteten Instagram-Bildern molestiert wird.

Dabei würde Prince ein kleiner Alterungsprozess durchaus stehen. Immerhin sah er schon 1978 auf dem Cover seines Debüts "For You" älter aus als heute. Man nennt das paradox.

Unglaublich hart Richtung Neandertal

Das Konzert des Prinzen anlässlich seines Geburtstages war jedenfalls nicht nur unglaublich hart Richtung Neandertal rockend. 3rdEyeGirl, seine vierköpfige, rein weiblich besetzte Begleitband, ist zwar nett anzusehen, musikalisch aber geht es kräftig und derb zu wie bei den Möbelpackern. Das Ganze ging auch bei einer Lautstärke über die Bühne, die man bei Konzerten in dieser Größenordnung all die Jahre schmerzlich vermisste. Wer traut sich wegen EU, Krummgurkenregulation und US-amerikanischem Mimosentum sowie der allgegenwärtigen Angst vor dem Sterben in einem lebensgefährlichen Leben schon noch 10.000 Leuten temporären Hörsturz zu verabreichen?

Prince jagte durch eine 2,5 Stunden lange, sehr gute und sehr unterhaltsame und mit über 20 Liedern gut bestückte Greatest-Hits-Show, zu der auch von ihm einst wenig geliebte Titel wie das mit Kinderkeyboard versemmelte "Nothing Compares 2 U", "Crimson And Clover", "Play That Funky Music", "What’s My Name" oder der heute als bäuerlicher Funk gegebene "Kiss" gehörten. "Little Red Corvette", "Sign O The Times", "Let’s Go Crazy", "Raspberry Beret", "When Doves Cry", "1999", alles da. Die Damenband hat es mit dem Funk leider nicht so, der kommt ein wenig ungelenk daher. Dafür haut der Rock ordentlich hardrockig rein. Prince jedenfalls war gut drauf und sagte sehr oft: „Vienna!“ Bei der 15-minütigen, eindringlichen und fantastisch auf der Gitarre gejaulten und gekreischten Version von "Purple Rain" inklusive Konfettiregen und Luftballonalarm haben viele Leute ehrlich geweint.

Popmusik ist sehr gefährlich. Sie macht, dass sich die Menschen immer wieder dieselben alten Lieder anhören und daran denken, dass früher alles besser war. Dann werden sie traurig. Früher war aber nichts besser. Es war nur anders. (Christian Schachinger, derStandard.at, 8.6.2014)

  • The artist formerly known as The Artist formerly Known as Prince.
    foto: saskia lawaks

    The artist formerly known as The Artist formerly Known as Prince.

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