Drei Leichen in vor Sizilien gerettetem Boot entdeckt

8. Juni 2014, 12:47
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Hunderte Migranten in Hafenstadt Pozzallo eingetroffen - Bürgermeister protestieren

Rom/Valetta - In einem von Migranten zur Überfahrt über das Mittelmeer genutzten Booten haben sich auch drei Leichen befunden. Das Boot wurde von der italienischen Marine vor Sizilien aufgegriffen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur ANSA.

Die Leichen sollen mit rund 100 geretteten Migranten am Sonntagnachmittag im sizilianischen Pozzallo eintreffen. Hier waren in der Nacht auf Sonntag bereits 420 Flüchtlinge gelandet. Zwei weitere Schiffe mit 322 und 100 Migranten an Bord waren am Samstag eingetroffen. Bei den Migranten handelt es sich mehrheitlich um Afghanen, Syrier, Algerier, Libyer und Somalier, berichteten italienische Medien.

Flüchtlingslager chronisch überlastet

Insgesamt haben Italiens Marine und Küstenwache innerhalb von zwei Tagen mehr als 6.000 Flüchtlinge nach Sizilien gebracht. Allein am Samstag trafen 2.300 Migranten auf Sizilien ein, darunter viele Minderjährige ohne Begleitung.

Auch in Malta kam am Samstag ein Boot mit 130 Menschen an Bord an. Die Migranten, darunter elf Frauen, seien von einem sinkenden Schlauchboot geborgen worden, teilten die Streitkräfte des südeuropäischen Inselstaates mit.

Auf Sizilien sind die Flüchtlingslager chronisch überlastet, deshalb wächst der Protest der sizilianischen Bevölkerung. In den 134 Flüchtlingslagern der Insel sind bereits 12.800 Migranten untergebracht. "Die Lage ist außer Kontrolle, wir stehen vor einem unmenschlichen Drama", betonte der Bürgermeister der sizilianischen Hafenstadt Porto Empedocle, Lillo Firetto.

Druck auf EU

Die sizilianischen Stadtoberhäupter machen Druck auf Rom und auf Brüssel. "Sizilien steht vor dem Zusammenbruch. Die Regierung in Rom sollte den Notstand erklären. Ganz Italien muss bei der Bewältigung dieser Situation helfen", betonte der Bürgermeister von Catania, Enzo Bianco. Sein Kollege aus Palermo, Leoluca Orlando, klagte dass Europa angesichts des Dramas, das sich in den Gewässern vor Sizilien abspiele, unsensibel bleibe.

Auch der maltesische Ministerpräsident Joseph Muscat warf Europa auf Twitter vor, "völlig abwesend" zu sein und lobte die eigenen Streitkräfte sowie die italienische und die US-Marine für ihre Arbeit bei den Rettungseinsätzen.

Bangen um den Tourismus

Sizilien bangt indes über die negativen Auswirkungen der Flüchtingswelle auf den Tourismus. Zahlreiche Touristen hätten bereits ihren gebuchten Urlaub in Pozzallo abgesagt, klagte der Bürgermeister der Hafenstadt, Luigi Ammatuna. "Die Urlauber fürchten, hier chaotische Zustände vorzufinden. Es ist zwar nicht so, doch die Reservierungen werden trotzdem abgesagt", so der Bürgermeister.

Die Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi will die Flüchtlingsfrage zum prioritären Thema des Halbjahres seines EU-Vorsitzes ab Juli machen. "Die Flüchtlingsboote, die täglich Sizilien erreichen, sind eine Schande für Italien und Europa", klagte Justizminister Andrea Orlando.

Die Mission "Mare Nostrum" hatte im Oktober nach zwei Schiffsunglücken vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten begonnen. Der Einsatz kostet den italienischen Staat neun Millionen Euro pro Monat. Die Marine fordert zusätzliche Finanzierungen für Treibstoff, die Erneuerung der Flotte und Ersatzteile für die Schiffe. Außerdem drängt Italien die EU auf mehr Hilfe im Umgang mit dem Flüchtlingsproblem.

50.000 Migranten sind laut Behörden seit Jahresbeginn Süditalien erreicht, das sind 6.000 mehr als im Gesamtjahr 2013. Laut dem italienischen Innenministerium warten 800.000 Menschen in Libyen auf die Abfahrt nach Europa. (APA/red, derStandard.at, 8.6.2014)

  • Auf Booten aufgegriffene Migranten in einem Marine-Schiff vor Sizilien

    Auf Booten aufgegriffene Migranten in einem Marine-Schiff vor Sizilien

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