FPÖ: Rasende Eurasier

6. Juni 2014, 18:52
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Kam früher einmal unter Freiheitlichen die Rede auf "den Russen“, war der Untermensch, nur die Vergewaltigung deutscher Frauen im Sinn, nicht weit

Was waren das noch für Zeiten, als die österreichischen Freiheitlichen sich als stolze Beiwagerln der deutschen Kulturnation von der Missgeburt der österreichischen Nation distanzierten! Da wusste man, woran man mit ihnen und ihrem Gröfaz war. Weil der aber bekanntlich einer Verschwörung zum Opfer gefallen ist, musste sein Unterläufel Strache die Geschäfte übernehmen, und seither geht alles durcheinander. Schriebe ihm nicht sein Kickl von Zeit zu Zeit ein paar Parolen auf, er fände sich in der Welt außerhalb der Discos und Bierzelte überhaupt nicht mehr zurecht.

Ist ja auch schwierig in einer Zeit, wo auf einmal alle Ultranationalen sich international vernetzen wollen. Eine Zeitlang versuchte man sich noch in Lokalpatriotismus à la „Österreich zuerst“, zuletzt verstieg sich Strache sogar zu – wenn auch etwas geschraubten – Lobreden auf Conchita Wurst. Das ging nicht anders, und man kann nur hoffen, dass ihm der auferstandene Rasputin Alexander Dugin aus Anlass der 200. Wiederkehr des Wiener Kongresses im Wiener Palais Liechtenstein dafür nicht ein paar saftige russische Ohrfeigen verpasst hat. Rein privat natürlich.

Wenn das der Führer wüsste! Kam früher einmal unter Freiheitlichen die Rede auf „den Russen“, war der Untermensch, nur die Vergewaltigung deutscher Frauen im Sinn, nicht weit. Aber heute ist alles so kompliziert. Leugnet man hier, ein Rassist zu sein, was sich manchmal halt nicht gut vermeiden lässt, weiß man nie, was sich die Le Pens beim Croissant von einem denken werden. Unter Jörg Haider fiel in der FPÖ kein böses Wort über Schwule, jetzt darf man aus der Nationaleninternationale nicht ausscheren, wenn es gilt, das „Negerkonglomerat“ oder wenigstens Eurasien vor der „Schwulenlobby“ zu retten.

Von der nationalsozialistischen zur Eurasischen Bewegung ist der gedankliche Weg kürzer, als man glaubt. Wenn nur die alten Ideale gleich geblieben und die Juden wie stets an allem schuld sind, soll der Wechsel vom Arier zum Asiaten kein Problem sein. Der Freiheitliche als Soletti – braun und immer dabei: wenn es gilt, des Wiener Kongresses zu gedenken, wo die Unterdrückung der Völker im Namen der „Heiligen Allianz“ eines christlichen Absolutismus beschlossen wurde, ebenso, wie wenn er sich die Ideale der Revolution des Jahres 1848 unter den Nagel reißen will, die dieser Unterdrückung ein Ende bereiteten. Unter dem Schutzmantel eines von der Moskauer Kanzel gepredigten Eurasiertums werden die Freiheitlichen sicher das Beste für die österreichische Bevölkerung leisten, und wo ein Dugin nicht reicht, holt man sich halt einen Ungarn zu Hilfe.

Von einem solchen wurde Strache Hilfe zuteil, sollte er bisher geschwankt haben, ob er sich zur Verstärkung seiner Glaubwürdigkeit einen Bart wie Alexander Dugin oder wie Conchita Wurst wachsen lassen soll. Ein grundvernünftiger Leitartikel zum bärtigen Wesen sei es laut „Zur Zeit“ gewesen, was sich der Chefredakteur des renommierten Wochenmagazins „Magyar Demokrata“ von seiner ungarischen Seele schrieb. Die Entscheidung beim 59. Eurovisionsfestival ist eine Schande für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es gewann ein 25jähriger, bärtiger und exhibitionistisch homosexueller Österreicher. Zur aufrichtigen Bestürzung der gesund denkenden europäischen Menschen … Das Phänomen ist keine Privatsache (wie etwa das Eintauchen Straches in den rassistischen Abschaum Europas) – obwohl es vielleicht ein Fehler wäre, darin Europas Untergang zu sehen oder andererseits die Sache locker und erlaubend als voreilige Kraftdemonstration der im öffentlichen Fernsehen seuchenartig verbreiteten Homosexuellen-Mafia zu halten –, hieß nämlich der österreichische Präsident nach dem Sieg das Kolbászka (Würstchen) willkommen. Und wenn ab nun die Österreicher sich rühmen, sie seien entwickelter und reicher als wir, dann sagen wir ihnen milde: Conchita Wurst, und fügen augenzwinkernd hinzu, sie sollten sich vor Schande zum Teufel scheren.

Das Deutsch des freiheitlichen Übersetzers von „Zur Zeit“ dürfte nicht das beste sein, aber an seiner patriotischen Gesinnung lässt er keinen Zweifel offen. Auch wenn Herr Bencsik mit Kritik an Österreich nicht geizt, findet er, so ist seinen offenen Worten beizupflichten und zu sagen: Vielen Dank, Herr Chefredakteur!

Statt wie einst am deutschen künftig am russischen, wenn es sein muss am ungarischen Wesen zu genesen ist die neue, die eurasische Bestimmung der FPÖ. (Günter Traxler, DER STANDARD, 7./8./9.6.2014)

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