Wegsperren ist keine Lösung

Kommentar6. Juni 2014, 18:43
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Ursachen für kriminelles Verhalten müssen therapiert werden, anstatt nur die Folgen zu bestrafen

Seit drei Jahren verwahrt man in den Schubladen des Justizministeriums die deutsche Untersuchung über die Qualität von Gerichtsgutachten, die das Ministerium selbst gefördert hat. Drei verlorene Jahre, in denen Sexualstraftäter im Maßnahmenvollzug vielleicht nicht jene ärztliche Diagnose bekommen haben, die so zutreffend ist, dass sie adäquate Therapie bekommen könnten.

Warum hat man im Justizministerium bis dato die Hände in den Schoß gelegt? Warum will man sich erst jetzt, wo durch die massive Vernachlässigung eines Häftlings der gesamte Maßnahmenvollzug in der Kritik steht, endlich dem Problem stellen? Vielleicht hätte man sich einiges erspart, wenn man die unbequemen Wahrheiten aus Deutschland ernst genommen hätte. Noch immer gibt es viel zu wenige Gutachter, die zu schlecht bezahlt sind und für deren Arbeit es keinerlei Qualitätssicherung gibt. Auswahl und Beauftragung von Gerichtsgutachtern müsste transparent und nachvollziehbar erfolgen - und der "Topf" an forensischen Psychiatern müsste deutlich größer sein.

Darüber hinaus läge es auch an Richtern und Staatsanwälten, sich selbst psychologisches und psychiatrisches Grundwissen anzueignen. Viele Delinquenten schleppen erhebliche psychische Probleme mit sich herum. Diese Ursachen für kriminelles Verhalten muss man therapieren - und nicht nur die Folgen bestrafen. Es sei denn, man ist so naiv zu glauben, dass langes Wegsperren die Lösung ist. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 7.6.2014)

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