"In Wahrheit ist Fußball Hauptsache"

Interview8. Juni 2014, 11:21
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Der Germanist und Philosoph Klaus Zeyringer beschäftigt sich mit dem Phänomen Fußball. Er kritisiert die mafiösen Strukturen der Fifa scharf

Standard: Sie behaupten, dass Fußball Stammtisch und Intellektuellendiskurs verbindet. Was bevorzugen Sie?

Zeyringer: Das ist nicht trennbar. Es gibt einen Intellektuellenstammtisch, der ist ein bisserl anders. Und dann sind da noch die Stammtischintellektuellen, ich kann und mag beides. Ich bin in der Oststeiermark aufgewachsen, das ist sehr weit weg von Brasilien. Dort habe ich Fußball gespielt, ich erreichte passables Unterliganiveau. In den späten 60ern war es so, dass in diesen kleinen Gemeinden außer Fußball nichts los war, es gab keine alternativen Themen.

Standard: Sie haben sich intensiv mit der Kulturgeschichte des Fußballs befasst. Was war die überraschendste Erkenntnis?

Zeyringer: Dass der Fußball tatsächlich überall auf der Welt zunächst über die Eliten gelaufen ist - und erst danach populär wurde. So konnte er ein mediales Phänomen werden. Es hat überall so funktioniert, auch wenn es nicht funktioniert hat wie in den USA. Dort war zunächst Baseball da, somit wird Fußball immer eher unamerikanisch bleiben. In Afrika hängt es natürlich mit dem Kolonialismus zusammen.

Standard: Fußball als Proletensport zu bezeichnen ist also falsch.

Zeyringer: Ja, völliger Blödsinn. Die Zusammenhänge zwischen Kultur, Gesellschaft und Politik sind intensiv. Die Eliten haben sich stets damit beschäftigt.

Standard: Erfolge im Fußball helfen den Mächtigen, den Regierenden. Sollte Deutschland in Brasilien Weltmeister werden, würde Bundeskanzlerin Angela Merkel um ein paar Prozentpunkte zulegen. Verrückt, oder?

Zeyringer: Nein, das ist logisch. Fußball ist ein Massenphänomen. Wird die Masse befriedigt, reagiert sie befriedigt. Der Erste, der das konsequent betrieben hat, war Mussolini. Ihm war wichtig, dass Italien 1934 Weltmeister wird. Die WM war vermutlich gekauft. Die Bedeutung war später auch in anderen Diktaturen groß. Brasilien unter Vargas, Spanien unter Franco - oder die Militärjunta in Argentinen unter General Videla.

Standard: Wie viel Macht hat der Fußball? Ist der Spruch von der schönsten Nebensache der Welt eine schamlose Untertreibung?

Zeyringer: Das mit der Nebensache stimmt natürlich nicht. Der Ausdruck kommt daher, weil der Kick zur Unterhaltung gehört. In Wahrheit ist Fußball Hauptsache. Wenn der Jugoslawienkrieg im Zagreber Stadion beginnt, kann das keine Nebensache sein.

Standard: Bringen die Demonstrationen in Brasilien die Mächtigen nicht in Bedrängnis?

Zeyringer: In Brasilien ist es indirekt. Die Mächtigen werden nicht durch den Fußball in Schwierigkeiten gebracht, sondern durch die Verbandsstrukturen des Fußballs, das ist ein Unterschied. Was die Fifa in den Ländern, in denen sie ihre WM abhalten lässt, macht, ist ein demokratiepolitischer Wahnsinn.

Standard: Ist es trotzdem gut, dass die WM in Brasilien stattfindet?

Zeyringer: Prinzipiell ist es gut. Schlecht ist, dass sie so stattfindet. Es ist insgesamt verrückt, wie Weltmeisterschaften organisiert werden und wie der Weltverband organisiert ist. Die Fifa ist ein Verein wie ein beliebiger Schweizer Kegelklub, der sich aber über alle Staaten stellen kann. Die Staaten geben wesentliche Hoheitsrechte ab, das ist ein Skandal sondergleichen. Dazu gehören immer zwei. Diejenigen, die eine WM haben wollen und diejenigen, die sie vergeben.

Die Fifa ist feudal organisiert, in keiner Weise kontrollierbar. Man muss sich einmal vorstellen, dass die Stadien exterritoriales Gebiet sind und die Fifa sogar die Kleiderordnung bestimmen kann. Ich versuchte, privat Karten zu kaufen. Das ist nur möglich, wenn du der Fifa wesentliche persönliche Daten gibst und gleichzeitig unterzeichnest, dass sie diese Daten verwenden dürfen - wie immer sie wollen.

Standard: Ist die Fifa korrupt?

Zeyringer: Natürlich. Das bedeutet nicht, dass es jeder Einzelne ist. Die Struktur fördert das Mafiöse und Korrupte.

Standard: Ist die WM 2022 in Katar Gipfel der Peinlichkeit?

Zeyringer: Es gibt noch andere Peinlichkeiten. Auffällig ist, wie Katar die WM bekommen hat, welche Rolle etwa Uefa-Chef Michel Platini und sein Sohn, der in Katar Sportmanager ist, spielten. Es ist zudem eine grandiose Blödheit, dass man in einem Land, in dem es 50 Grad hat, Fußball spielen will. Der Gigantismus hat zur Folge, dass Demokratien solche Großereignisse nicht mehr abhalten wollen. Bleiben also Diktaturen übrig. Wobei Brasilien natürlich eine Demokratie ist.

Standard: Wie ist der vorauseilende Gehorsam Brasiliens zu bewerten? Man baute mehr Stadien als vorgeschrieben?

Zeyringer: Das ist aus der brasilianischen Struktur erklärbar, weil das Land aus Bundesstaaten besteht. Wie in Österreich will jedes Bundesland etwas vom Kuchen haben. Ein Stadion in Manaus ist so sinnlos wie eines in Klagenfurt.

Standard: Hätten Sie die Gelegenheit, Fifa-Präsident Joseph Blatter zu treffen, welche drei Fragen würden Sie ihm stellen?

Zeyringer: Erstens: Warum er noch immer da sitzt. Zweitens: Warum die Fifa so antidemokratisch und mafiös strukturiert ist. Drittens: Warum die Fifa bei jeder WM drei Milliarden verdient und die Staaten, die das Ereignis ausrichten, dauernd ein enormes Minus haben - selbst wenn man die Umwegrentabilität in Betracht zieht.

Standard: Der Fußball scheint den eigenen Verband aber zu überstehen. Weil das Spiel so genial ist?

Zeyringer: Der Sport ist enorm faszinierend. Es finden so viele Ballkontakte statt, wie es für die menschliche Aufmerksamkeit günstig ist. Es sind so viele Höhepunkte, wie man brauchen kann. Fußball wird in einem gut einsehbaren Rahmen abgehalten, das ist keine Ruderregattastrecke, sondern ein schönes Stadion. Die Regeln sind recht einfach. Es ist ein mediales Massenphänomen, und solche Massenphänomene lassen sich nicht abdrehen. Das will auch keiner. In englischen Stadien herrscht das Ambiente eines Hochamts. Natürlich kannst du auch furchtbare Ausschreitungen haben.

Standard: Fußballer werden zu gesellschaftspolitischen Themen befragt. Gerade in Brasilien sprechen Romario und Co Missstände an. Eine positive Entwicklung?

Zeyringer: Es kommt drauf an, was der Mensch aus der Stimme macht. Sokrates hatte in Brasilien am Ende der Militärdiktatur großen Einfluss. Oder nehmen wir die WM 1978 in Argentinien. Die Holländer haben sich geweigert, dem Diktator die Hand zu geben. Hingefahren sind aber alle. Wir tun so, als wäre Córdoba in einem schönen Raum passiert. Dabei ist unweit des Stadions ein Internierungslager gewesen, wo auch an diesem Tag Leute gefoltert und umgebracht wurden.

Welche Verantwortung Fußballer übernehmen sollen, ist schwer zu sagen. Das Problem ist die Formel, dass der Sport unpolitisch zu sein hat. Die stimmt nicht. Skipräsident Peter Schröcksnadel hat in Sotschi mehr oder weniger direkt gesagt, Sportler sollen den Mund halten. Ihnen wird das Bürgerrecht abgesprochen.

Standard: Wer verliert das WM-Finale?

Zeyringer: Ich war unlängst in der brasilianischen Botschaft. Das Schlimmste wäre nicht ein Scheitern des Gastgebers - es wäre eine Finalniederlage gegen Uruguay. Ich werde mir alle Partien im Fernsehen anschauen. Es wird tolle Spiele geben. Auch ich werde das Rundherum vergessen und in die gleiche Falle wie alle anderen tappen. (Christian Hackl - DER STANDARD - 8.6. 2014)

  • Argentiniens Kapitän Daniel Passarella präsentiert am 25. Juni 1978 zur  Befriedigung von Diktator Jorge Rafael Videla (links) die WM-Trophäe.
    foto: ap/ducklau

    Argentiniens Kapitän Daniel Passarella präsentiert am 25. Juni 1978 zur Befriedigung von Diktator Jorge Rafael Videla (links) die WM-Trophäe.

  • KLaus Zeyringer wurde 1953 in Graz geboren. Er studierte Germanistik,  Romanistik, Philosophie und lehrt an der Universität in Angers,  Frankreich. Im April erschien "Fußball, eine Kulturgeschichte" (S.  Fischer, 448 Seiten, 23,70 €).
    foto: studio sattler

    KLaus Zeyringer wurde 1953 in Graz geboren. Er studierte Germanistik, Romanistik, Philosophie und lehrt an der Universität in Angers, Frankreich. Im April erschien "Fußball, eine Kulturgeschichte" (S. Fischer, 448 Seiten, 23,70 €).

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