EZB-Politik: Keine Zinsen, viele Probleme

7. Juni 2014, 12:00
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Die EZB hat die Zinsen weiter gesenkt. Was das für das Sparbuch als beliebteste Sparform bedeutet und was es der Wirtschaft bringt

Frage: Banken werden von der Europäischen Zentralbank mit Negativzinsen bestraft. Muss ich jetzt auch mit Strafzinsen bei meinem Sparbuch rechnen?

Antwort: Die Europäische Zentralbank legt die Zinsen für die Geschäftsbanken fest. Tatsächlich werden Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB bunkern, künftig Strafzinsen zahlen müssen. Es gibt aber keinen Grund, warum private Sparer negative Zinsen auf ihren Sparbüchern erwarten müssen. Denn keine Bank kann ein Sparbuch mit negativen Zinsen an die Kunden bringen. Jeder Mensch kann die Negativrenditen einfach umgehen, indem er sein Erspartes in bar hortet. Dann gibt es zumindest 0,0 Prozent Zinsen.

Frage: Aber wie geht es weiter mit den Sparbuchzinsen? Die vergangenen drei Jahre waren ja schon besonders magere Jahre.

Antwort: Klar ist, dass die Sparzinsen eher noch sinken werden. Die niedrigeren Leitzinsen werden auch andere sichere Anlageformen nahe an die Nulllinie drücken. Damit dürften die Einlagen real weiter entwertet werden. Weil die Lebenshaltungskosten stärker steigen, als die Sparbücher Zinsen bringen, verliert das Ersparte an Kaufkraft. In den vergangenen vier Jahren machte diese Entwertung alleine in Österreich je nach Inflationsberechnung zwischen zwölf und 13,5 Mrd. Euro aus. Doch diese Entwertung ist nicht gänzlich neu. Tatsächlich sind die sicheren, von der Einlagensicherung geschützten Sparbücher aus Renditesicht auch vor der jüngsten Krise Kapitalvernichter gewesen. Zwischen 2000 und 2007 waren die Zinsen für täglich fälliges Geld auch schon niedriger als die Inflation, zeigen Daten der Oesterreichischen Nationalbank. Auch damals haben die Sparer nach Abzug der Kapitalertragssteuer real Milliarden verloren.

Frage: Kann ich den Mini-Zinsen entkommen?

Antwort: Mit Sparbüchern oder anderen verzinsten Anlageformen kaum. Diese machen am ehesten Sinn, wenn etwa für einen Zweck (ein Auto in fünf Jahren) oder einen Notgroschen gespart wird. In Österreich gehen viele Sparer aber viel weiter, knapp 213 Milliarden Euro haben die heimischen Haushalte bei den Banken gebunkert. "In einem Land wie Österreich wirkt die Geldpolitik daher negativer", warnt Franz Schellhorn, Leiter der Denkfabrik Agenda Austria. Weil es keinerlei Aktienkultur gibt - Aktien gelten als Sachgüter und sind daher besser vor Inflation geschützt als etwa Anleihen oder Sparbücher - werden die Sparer von der Niedrigzinspolitik direkt getroffen. Die Entwertung wird in den nächsten Jahren allerdings von der niedrigen Inflation etwas abgefedert. Trifft die jüngste Schätzung der OeNB zu, dann werden die Sparguthaben in den nächsten drei Jahren weniger entwertet als in den vergangenen drei. Für Christian Prantner, Finanzexperte bei der Arbeiterkammer Wien, ist klar, dass Sparer bei niedrigen Zinsen genauer die einzelnen Produkte prüfen müssen. Zudem wäre es ratsam, in diesem Umfeld allfällige Kredite zu tilgen. "Das schafft auch indirekt Rendite" , sagt Prantner.

Frage: Wie wirken die niedrigen Zinsen auf andere Sparformen?

Antwort: Höchst unterschiedlich. An Aktien- und Anleihenmärkten trägt die EZB zumindest kurzfristig zu einem Boom bei. Am Freitag waren etwa die Anleihen der europäischen Krisenländer besonders gefragt. Ein Problem bekommen aber etwa die Lebensversicherer. Denn diese werden von den Regulatoren gezwungen, in möglichste sichere Wertpapiere zu investieren. Dazu zählen besonders Staats- und Unternehmensanleihen. Niedrige Renditen dort und gleichzeitig historische Garantieversprechen mit hohen Zinsen für die Versicherten könnten wie in Japan so manchen Anbieter in Schieflage bringen.

Frage: Was werden die Maßnahmen der EZB für die Konjunktur bringen? Schon bei 0,25 Prozent Leitzinsen gab es keinen Boom, wieso sollte dieser bei 0,15 Prozent kommen?

Antwort: Theoretisch sollen niedrigere Zinsen den Konsum und die Investitionen der Unternehmen stärken. Doch Schellhorn fürchtet gar den gegenteiligen Effekt. Der Schritt zu negativen Zinsen "ist ein negatives psychologisches Signal, das dazu führen könnte, dass das Horten noch zunimmt". Dabei hat die EZB gleichzeitig eine Reihe von Maßnahmen gesetzt, die von Volkswirten positiv gesehen werden. So können sich Banken - solange sie mehr Kredite an Haushalte und Unternehmen vergeben - mit günstiger Liquidität versorgen. Rund 400 Mrd. Euro sollen mobilisiert werden. Wenn diese Kreditlinie genutzt wird, könnte es die Wirtschaft unterstützen. Gerade in Südeuropa kommen Unternehmen nach wie vor schwer an Kredite.

Frage: Reichen die jüngsten Schritte, damit die EZB ihr Inflationsziel von zwei Prozent erreicht?

Antwort: Das ist noch nicht klar. In diesem Jahr verfehlt die EZB mit 0,7 Prozent ihr Ziel klar und die Deflationssorgen werden akut bleiben. EZB-Chef Mario Draghi hat jedenfalls klargemacht, dass "wir noch nicht am Ende sind". Die Zentralbank wird also noch nachlegen, wenn die Inflationserwartungen nicht allmählich steigen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 6.6.2014)

  • Die EZB hat die liquiden Mittel in der  Eurozone kräftig erhöht, die Zinsen dafür gesenkt
    foto: reuters/tony gentile

    Die EZB hat die liquiden Mittel in der Eurozone kräftig erhöht, die Zinsen dafür gesenkt

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