Laster-Listen und andere System-Symptome

6. Juni 2014, 17:49
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"Rock the Void" im Mumok: Josef Dabernig sorgt für kalkulierte Strenge mit irritierenden Brüchen

Wien – "Meine Diplomarbeiten habe ich unter Zwang angefertigt", sagt Josef Dabernig und fügt in seiner lakonischen Art zu sprechen hinzu: "Ich wollte ein Bildhauerdiplom, ohne Plastiken anzufertigen." Aber da spielte sein Professor an der Akademie, Joannis Avramidis, nicht mit. Mit den menschlich geformten, kubistisch zergliederten Objekten aus Gips (1982), die er traditionell auf Sockel setzte, wäre Avramidis "sehr zufrieden" gewesen, ja, er habe sogar einen Preis dafür bekommen, scheint Dabernig noch heute darüber zu staunen und erntet für seine staubtrockene Selbstironie den nächsten Lacher.

Auf Dabernigs Webseite und im Werkverzeichnis sucht man die frühen Arbeiten vergeblich; für die Retrospektive im Mumok blickt der 1956 in Kötschach-Mauthen geborene Künstler jedoch zurück zu den Anfängen: Diese „in die dritte Dimension übersetzten Zeichnungen“ offenbaren ein zentrales Interesse Dabernigs: die Übertragung. "Was ist der Unterschied zwischen dem Abmessen eines Aktmodells oder dem Abschreiben eines Buchs?", fragt er. Schließlich sei beides eine Form des Übertragens. "Solche Fragen habe ich mit Avramidis allerdings nicht diskutiert." Vielleicht sei man deswegen so gut miteinander ausgekommen.

Kulturelle, soziale, politische Prägungen bestimmter (geografischer) Regionen betrachtet er "von den Rändern her". Denn das, was im Zentrum des Systems passiert, überträgt sich auch auf die Peripherie, es schreibt sich den Orten ein: So fotografiert der für italienischen Fußball Begeisterte etwa leere Stadien – aber nur die mit Geschichte: "Wenn sie anfangen zu rosten, dann komme ich". Eine abgebrannte Tribüne ist ein Indiz auf die Bauspekulation in Südamerika, ein Sportplatz in Santiago de Chile diente Pinochet dazu, die Allende-Anhänger zu versammeln – und danach verschwinden zu lassen. Dabernig zeigt das Geschehene im Abwesenden. Dort sorgt er für Erschütterungen. Auch so kann man den Titel der sich auf drei Ebenen des Mumok ausbreitenden Schau Rock the Void verstehen.

Der Spielfeldrand – genauer: der Trainer-Funktionär mit Pokerface – rückt auch in Dabernigs erstem Film, Wisla (1996), ins Zentrum. Die Arbeit analysiert das Geschehen, ohne dass nur ein einziger Ball durchs Bild rollen würde. In seinem jüngsten Film River Plate sind es wieder Körper und Gesten der Protagonisten, an denen sich die Stimmung einer Gesellschaft ablesen lässt: Badende unter den Stahlbetonträgern einer Autobahnbrücke.

"Es gibt nur zwei Dinge in der Architektur: Menschlichkeit oder keine", sagte Alvar Alto. Ein Zitat, vor dem man Dabernigs Fokus auf Architektur, Körper, Sport, Leistung interpretieren kann. Reglementierungen, das Sich-Kasteien macht er zum Motiv, zu System-Symptomen. Er zählt, misst, bürokratisiert eigene Laster mittels Listen, sperrt die Zwänge in den Raum der Kunst, überträgt sie in Objekte für Vitrinen. Zählen und Rechnen ist sein Vehikel, um sich von traditionellen Kunstvorstellungen oder katholisch-nationaler Sozialisierung zu emanzipieren.

Das lässt sich etwa in seinen Rastern, die er zwischen 1989 und 1996 aus Aluminiumprofilen, Elementen aus der Fassadentechnik, fertigte, nachvollziehen. "Daran werden Fassaden aufgehängt", wiederholt er nachdrücklich, so als würde er ein Ausrufezeichen setzen. Und so kommt man nicht umhin, seine Stützkonstruktionen, die das Zeigen, was normalerweise dahinter liegt, metaphorisch zu verstehen. Die Raster, die er daraus fügt, sind keine Minimal Art im Sinne ihrer Erfinder, sondern eher, wie erwähnt, als rationaler Widerstand zu verstehen: Rechnen und Zählen als kathartische Reinigung von der Dominanz bestimmter Weltbilder. Ein Beispiel: Um sich von der Darstellung der menschlichen Figur zu distanzieren hat er etwa (1982/83) während eines Italien-Stipendiums architektonische Formen im romnahen Torvaianica in ein Koordinatensystem übertragen und mittels Pythagorasformel verdreifacht: Das Ergebnis ist zwar logisch konsequent, aber bildlich nicht mehr nachvollziehbar. "In einer Zeit in der die Neuen Wilden en vogue waren, lag ich nicht ganz im Trend", stellt Dabernig ungerührt fest.

Im Kalkulierten sucht er jedoch nach Momenten der Verunsicherung. Er irritiert das von ihm penibel Ausgemessene, indem er etwa zunächst gleichgroß wirkende Raster allmählich kleiner werden lässt, eine sich verjüngende Perspektive simuliert. Dabernig, der die Vertikalen in seinen Fotos "photoshopped”, damit sie auch tatsächlich vertikal sind, führt eine Strenge ein, um sie im Dienste der Irritation zu brechen. Seine Holzraster, deren Dimensionen auf den Umraum reagieren, beschwert er mit Sandsäcken. Ohne diese "wäre das vermutlich nicht erträglich".

Unruhe stellt sich in der Präsentation seines polymedialen Werks, das Dabernig in die Kategorien Film, Foto, Text, Objekt, Bau unterteilt, dennoch nie ein. Dafür sorgt die ordnende Struktur seines Ausstellungsdisplays: gestaffelte Kubenfolgen, die an die schachtelartige Architektur Nordafrikas erinnern. Er überschreibt den White Cube so nicht nur mit einem eigenen Rhythmus, sondern sorgt für Spannung: Man weiß nie, was einen im nächsten Raum oder dem Gang dahinter erwartet. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 7./8./9.6.2014, Langfassung)

Bis 14. 9.

  • Einstellung aus Josef Dabernigs neuestem Film "River Plate".
    filmkader: bildrecht wien, 2014

    Einstellung aus Josef Dabernigs neuestem Film "River Plate".

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