Gottes Werk und Mephistos Beitrag

6. Juni 2014, 17:39
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Intendant Martin Kusejs Inszenierung von Goethes "Faust" am Münchner Residenztheater ist die grandiose Liebeserklärung an den Geist, der stets verneinen muss, um zu überleben

Der berüchtigtste Gelehrte der Deutschen ist das tote Wissen leid. Faust (Werner Wölbern) laboriert im Münchner Residenztheater an Überdruss. Reclam-Heft mag er keines deklamieren. Die Hände wäscht er sich gründlich, ein Programm gegen Bildungsbazillen. Die berühmte Erörterung der Frage, was er nun alles studiert habe (Antwort: zu viel!), entfällt.

Sehr viel leichter fällt die Beantwortung der Frage, was man in München alles bestaunen kann. Sinngemäß die ganze Welt. Über zwei Stockwerke verfügt die finstere Drehbühne Aleksandar Denics. In den Stahlträgern dieses mit sauerem Regen gewaschenen Hafens stecken dicke Nieten. Ein Kran überwölbt die Landschaft. Ein Maschendrahtzaun umkleidet die Aussichtsplattform, eine riesige Zigarettenwerbung zitiert die Figur der Carmen.

Auf diesem Landeplatz ist Gelegenheit für hastige Osterspaziergänge. Während Faust mit Wagner im ersten Stock seinen Frühlingsgefühlen Ausdruck verleiht, verstrickt das Volk unten sich in eine wüste Rammelei. Man muss die Schneeschmelze schon würdig begehen.

Für seine szenische Nachtfahrt ins Herz der Finsternis hat sich Regisseur Martin Kusej ein Klein-Lampedusa bauen lassen. Rasch wird klar, Faust, dieser untersetzte, ewig missgelaunte Mann im Anzug, genießt die Annehmlichkeiten der Festung Europa. Steht ihm jemand im Weg, vertilgt er den Störenfried mit einem Schwefelblitz. So passiert es Philemon und Baucis, dem holden Greisenpaar. In dessen endlich sturmfrei gewordener Dachwohnung trifft sich der Doktor mit der biblischen Lilith zum One-Night-Stand.

Faust gibt es in München nur auf Raten zu bestaunen. Dichter Albert Ostermaier (Dramaturgie) hat aus dem doppelten Versmassiv - Tragödie erster und zweiter Teil - die buntesten und spitzesten Steine herausgebrochen. Kusej interessiert die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, einen Kehricht. Manche Episoden erzählt er neu, gewisse Vorkommnisse (Walpurgisnacht in Techno-Trance) winkt er bloß durch. Dafür schaut er wie hingerissen auf die heimliche Hauptfigur. Ihr Name: Mephisto (Bibiana Beglau). Dieser Teufel in Frauengestalt ist Gottes erstes Opfer. Aus schwarzem Regen kommend, schlurft die Verführerin mit entblößten Stigmata am Rücken hinein ins Licht der Vernunft.

Zwar hat Mephisto wegen Faustens Seele eine Wette laufen. Und wirklich zerrt er den Professor Unrat aus der Gosse. Er flickt ihm im Schlachterkittel den zerschossenen Bauch und gewinnt durch obszöne Betätigung seines Pferdeschweifs (!) einige Mundvoll des köstlichen Verjüngungselixiers.

Mephisto ist der leidende Held in Kusejs grandioser Unternehmung. Er liest die erotischen Brosamen auf, die für ihn als Fausts Sexualberater abfallen. Beglau stolziert als bestrumpfte Domina durch die Nacht der Vernunft, sie ist der Schrecken aller Studierstuben. Mephisto macht das Beste aus seinem Verdammungsurteil: Er hält, "I'm just a jealous guy" summend, mit den Menschen aus Fleisch und Blut einfach mit.

Gretchen (Andrea Wenzl) gibt sich ihrem "Heinrich" mit flackernder Lust hin, in Rosen badend, ihr Zimmer ein gleißender Schrein der Unschuld. Nur die Mutter (Elisabeth Schwarz) höhnt als Tugendgespenst und lässt die Klinge ihres Buttermessers blitzen. Bald schwimmt das Gretchen in seinem Blut. Es ist dies das optimistischste Zeichen von Vitalität, das Kusej zulässt.

Äußerste Präzision

Der Tragödie ersten Teil schneidet Kusej mit äußerster Präzision in Stücke. Das Skelett behängt er mit Text. Die Inszenierungskunst des Kärntners ist in München noch untröstlicher geworden. Er baut die Wohlstandswelt neu zusammen. An den Maschen des Zauns hängen zuckend die Figuren aus den Reclam-Heften. Durch den Draht werfen sie sehnsüchtige Blicke hinaus ins Freie. Sie träumen von einer Welt, die es nicht gibt. Dafür trippeln Kinder in den Festungsbau hinein. Um ihren Bauch haben sie Gürtel mit Bombenladungen geschnallt.

Der Applaus für das bittere Meisterwerk wurde mit Buhs für den Regisseur aufgepeppt. Kusej verzieht wegen so etwas nicht den Mund. Unserem Kulturminister hingegen ist eine Bildungsreise nach München, nicht nur des guten Bieres wegen, dringend anzuraten. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 7./8./9.6.2014)

  • Gretchen (Andrea Wenzl) ist tot: Fausts (Werner Wölbern) und Mephistos (Bibiana Beglau) Werk.
    foto: apa/matthias horn

    Gretchen (Andrea Wenzl) ist tot: Fausts (Werner Wölbern) und Mephistos (Bibiana Beglau) Werk.

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