Harmlose Selbstverständlichkeit

6. Juni 2014, 17:18
2 Postings

Cornelius Meister und das RSO mit alten neuen und neuen alten Stücken

Wien - Es gab in den 1970er-Jahren eine Gruppe von Komponisten, die als "Junge Wilde" für Aufsehen sorgten, indem sie gegen die Regeln der Neuen Musik aufbegehrten, entschiedene Subjektivität einbrachten, an die Mittel der romantischen Tradition anknüpften. Das war damals eine Kampfansage an die Avantgarde - und für viele ein Schockerlebnis.

Jörg Widmann wurde in dieser Zeit geboren, und er komponiert ähnlich wie damals sein Lehrer Wolfgang Rihm, aber ganz ohne dessen Hang zum Aufbegehren. Ganz direkt ist seine Musiksprache mit dem 19. Jahrhundert verbunden, er setzt auf Unmittelbarkeit und Emotion, nur: Kampf ist das keiner mehr, sondern von harmloser Selbstverständlichkeit. Mag sich ein Werk wie sein Violinkonzert (2007) noch so kontrastreich von aggressiv bis weich gebärden, so wirkt es doch lau. Das mag man mögen oder nicht, gut gemacht ist es allemal.

Beim Konzert des Radiosymphonieorchesters Wien im Konzerthaus bewältigte Solist Christian Tetzlaff alle Volten seines Parts, dem freilich der Vorwurf selbstgenügsamer Virtuosität nicht ganz erspart werden kann - wohlgemerkt hinsichtlich der Komposition. Wesentlich aufwühlender jedenfalls die beiden anderen von Cornelius Meister aufs Programm gesetzten Werke: die Uraufführung (!) der Hamlet-Ouvertüre von Gustav Mahlers Jugendfreund Hans Rott aus dem Jahr 1876 - ein Stück, das die Auseinandersetzung mit Vorbildern wie Liszt ebenso zeigt wie visionäre Züge, Brüchigkeit, Unsicherheit, also all das, was jemandem wie Widmann fehlt. Kaum weniger stark auch die 3. Symphonie von Bohuslav Martinu (1944), die das RSO mit herber Schärfe ausstattete - eine Meisterleistung. (Daniel Ender, DER STANDARD, 7.6.2014)

Share if you care.