Prägte Gewalt die Evolution des menschlichen Gesichts?

9. Juni 2014, 19:02
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Die Gesichtspartien früher Hominini waren darauf ausgelegt, das Verletzungsrisiko durch Faustschläge zu minimieren, berichten Forscher aus den USA

Salt Lake City - Vergleicht man die Gesichtsformen heutiger Menschen mit jenen aus dem Mittelalter, sind deutliche Unterschiede zu erkennen: Die heutigen Gesichtszüge sind weitaus weniger ausgeprägt, Stirnen dafür höher als etwa im 14. Jahrhundert. Geht man in unserer Ahnenreihe noch weiter zurück, zeigt sich, wie stark sich das menschliche Gesicht im Lauf der Evolution veränderte.

Geballte Fäuste

Gemeinhin wird angenommen, dass die Ernährungsweise unserer früheren Vorfahren der Hauptfaktor für die Entwicklung ihrer robusten Gesichter war - durch den stetigen Konsum schwer zerkaubarer Kost, etwa Wurzeln und Nüsse. US-amerikanische Forscher um David Carrier und Michael H. Morgan schlagen in einer aktuellen Studie im Fachblatt "Biological Reviews" jedoch eine ganz andere Ursache vor: Die Gesichter früher Hominini - insbesondere der Gattung Australopithecus - entwickelten sich demnach durch äußere Gewalteinwirkung. Genauer gesagt: zum Schutz vor Verletzungen durch Faustschläge ihrer Artgenossen.

"Australopitheci verfügten bereits über charakteristische physiologische Merkmale, die ihre Kampffähigkeit erhöhten", sagt Carrier. So ermöglichten etwa die Proportionen ihrer Hände das Ballen der Fäuste und damit die Nutzung als effektive Schlagwerkzeuge. "Geht man davon aus, dass die Evolution der Hände in Verbindung mit körperlichen Auseinandersetzungen steht, überrascht es auch nicht, wenn das Hauptziel einer geballten Faust ebenfalls einer evolutionären Entwicklung unterlag: das Gesicht", so Carrier.

Geschlechterunterschiede

Auch beim modernen Menschen ist das Gesicht bei körperlichen Auseinandersetzungen der zentrale Angriffspunkt. Beim Vergleich von Verletzungen fanden die Forscher nun heraus, dass Knochenfrakturen am häufigsten in jenen Gesichtsbereichen auftreten, die in der Evolution der Hominini besondere Robustheit entwickelten. Die betreffenden Schädelpartien seien zudem jene, die sich zwischen Männern und Frauen am stärksten unterscheiden - sowohl beim Australopithecus als auch beim modernen Menschen. In den Worten Carriers: "Weibliche und männliche Gesichter unterscheiden sich unter anderem deshalb, weil sich jene Knochenbereiche, die leicht durch Gewalteinwirkung brechen, bei Männern stärker entwickelt haben".

Die Forscher kamen bereits in früheren Studien zur Beinlänge und Fußhaltung von Hominini zu dem Schluss, dass Gewalt eine weitaus größere Rolle in der Evolution des Menschen gespielt haben könnte, als bislang angenommen. (David Rennert, derStandard.at, 9.6.2014)

  • Schädelvergleich (von oben nach unten): Gemeiner Schimpanse (Pan troglodytes), Australopithecus afarensis, Paranthropus boisei, Homo erectus und Homo sapiens.
    foto: university of utah

    Schädelvergleich (von oben nach unten): Gemeiner Schimpanse (Pan troglodytes), Australopithecus afarensis, Paranthropus boisei, Homo erectus und Homo sapiens.

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