Der Gelddoktor

6. Juni 2014, 17:02
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Seit nun etwa sechs Krisenjahren pilgert er vornehmlich als Tröster auf den Küniglberg

So wichtig die materielle Stabilisierung der Finanz- und Wirtschaftswelt ist, so unerlässlich ist es, auch der Krisenseele verbal Beruhigung einzuhauchen. Mitunter reißt es den Newskonsumenten ja aus dem Schlaf, und er wähnt sich pleite und zurück in der wilden Epoche der Tauschwirtschaft, als er Kinokarten mit einem Kilo Tomaten aus dem nachbarlichen Garten begleichen musste.

Der Gouverneur der Nationalbank, Ewald Nowotny, ist an solch geldlosen Tauschalbträumen keinesfalls schuld. Seit nun etwa sechs Krisenjahren pilgert er vornehmlich als Tröster auf den Küniglberg. Auch in ernste Botschaften mixt er dabei lächelnde Milde, weshalb sie als solche oft nicht zu erkennen sind. Falls nötig, umwölkt sie der Gouverneur ja auch mit bundespräsidialer Würde, der Weihnachtsmännisches und Doktorhaftes beigemischt scheint. Zinssenkung, Blasenbildung der Vermögenswerte, horrende Kreditlinien für Banken oder Strafzinsen, wenn Finanzinstitute ihr Bares kreditängstlich bei der Zentralbank bunkern: All diese Problem- und Experimentierfelder verlieren in Gouverneursnähe ihr apokalyptisches Grauen.

Auch Lou Lorenz-Dittlbacher wirkte in der ZiB 2 letztlich beruhigt, als Doktor Nowotny bezüglich der neuen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank diagnostizierte, „jede Medizin“ habe „eben ihre Nebenwirkung“. Am Ende dankte sie ihm denn auch, ohne brutal nachgefragt zu haben, für den Besuch, was Nowotny mit höflicher, kleiner Verbeugung quittierte.

So hat der Wirtschaftsmediziner wieder eine gewisse Entsorgung bewirkt; er muss am Wochenende nicht wieder auf den Küniglberg. Über Pfingsten dürfte keine Rückkehr zur Tauschwirtschaft drohen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 7./8./9.6.2014)

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Nowotny in der "ZiB 2"

  • Ewald Nowotny.
    foto: screenshot/orftvthek

    Ewald Nowotny.

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