Zehn-Jahres-Pakt für Paare: "Auf immer und ewig – das gehört hinterfragt"

Interview8. Juni 2014, 11:27
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Die Lebensmitte wirft viele in die Krise: Pasqualina Perrig-Chiello über die verlorene Lebenszufriedenheit, Rollenstress und warum Paare lieber Zehn-Jahres-Pakte eingehen sollen

STANDARD: Normalerweise lautet der Diskurs Alt gegen Jung – und umgekehrt. Sie beschäftigen sich mit den Menschen, die altersmäßig genau dazwischen liegen. Warum?

Perrig-Chiello: Weil auf diese Altersgruppe wissenschaftlich und gesellschaftlich in der Debatte völlig vergessen wird. Dabei ist es genau diese mittlere Generation, die die Gesellschaft zusammenhält. Diese 40- bis 60-Jährigen tragen die meiste Verantwortung. Schauen Sie sich doch die Zusammensetzung von Parlamenten, von Konzernführungen an! Das sind Leute genau in diesem Alter.

STANDARD: Was weiß die Wissenschaft über diese Personengruppe in der Lebensmitte?

Perrig-Chiello: Was wir sehr genau wissen, ist, dass die Lebenszufriedenheitskurve U-förmig ist. Und der absolute Tiefpunkt fällt gerade in diese Lebensphase. Dieses Bild zeigt sich überall auf der Welt, es ist egal, ob Sie in Japan, Afrika oder in Europa messen.

STANDARD: Was nagt da so?

Perrig-Chiello: Einerseits gibt es eine Kumulation an Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig befinden sich diese Menschen in einem Rollenstress. Man muss funktionieren: als Elternteil, als Partner, im Beruf. Dabei geht die Zeit, die man für sich selbst braucht, verloren. Denn zusätzlich fallen viele körperliche und psychische Veränderungen genau in diese Phase. Bei den Frauen sind es die Wechseljahre, auch bei Männern gibt es das Klimakterium, die Leistungsfähigkeit und kognitive Fähigkeiten nehmen ab. Es gerät vieles außer Kontrolle: Das Leben ist häufig außer Rand und Band.

STANDARD: Dabei heißt es doch immer, die Pubertät sei die schlimmste Phase im Leben.

Perrig-Chiello: Wir haben dazu haufenweise Befragungen gemacht. Zur Pubertät sagen viele rückblickend: Ja, es war schwierig, aber längst nicht für alle. Ähnliches gilt für den angeblichen Pensionierungsschock. Die meisten Leute empfinden die Pension als Befreiung oder als neue Chance – oder sie arbeiten einfach weiter.

STANDARD: Der berufliche Druck nimmt ja nie ab, wenn die Menschen immer später in Pension gehen sollen.

Perrig-Chiello: Es gibt vom Schweizer Ethikprofessor Hans Ruh ein Modell, das wegkommt von der immer noch oft vorherrschenden Dreiteilung des Lebens: also Bildung in jungen Jahren, dann die Arbeitsphase und schließlich der Ruhestand. Man sollte zu einer altersintegrierten Sicht umkehren. Lebenslange Bildung, lebenslange Arbeit und die Muße, Freizeit auch aufgeteilt. Diese Sichtweise zwingt sich immer mehr auf. Dies wird etwa ersichtlich an der Bildung. Lernen nur in jungen Jahren, das geht ja gar nicht mehr – man muss ständig dazulernen. Vor lauter Rollenstress und zu bewältigenden Aufgaben bleibt man sonst auf der Strecke.

STANDARD: Mit 40 oder 50 Jahren hat man noch viele Arbeitsjahre vor sich ...

Perrig-Chiello: ... und bei fast allen  kommt der Punkt, an dem sie über ein kleiner werdendes Lebenszeitfenster nachdenken. Es zeigt sich eine gewisse Torschlusspanik. „Wenn ich den Job nicht jetzt wechsle, wann dann?“, heißt es. Zur Partnerschaft: „Soll ich noch die restliche Zeit in einer nicht so tollen Beziehung verbringen?“ Der Psychiater Carl Gustav Jung hat es einmal schön formuliert: Man kann den Nachmittag des Lebens nicht wie den Vormittag leben. Wir tun aber so, als ob – und werden eines anderen belehrt.

STANDARD: Ist das dann der Jobwechsel oder die neue, jüngere Freundin?

Perrig-Chiello: Das ist ein Klischee der Midlife-Crisis, aber nicht die Norm. Derart heftige Ausbrüche wie das abrupte Abbrechen einer Beziehung sind nicht die Regel. Die meisten Paare raufen sich doch zusammen und finden eine neue Definition von Beziehung.

STANDARD: Wer ist für solche Lebenskrisen am anfälligsten? Beziehungsweise, kann man vorbauen?

Perrig-Chiello: Da diese Lebensphase mit vielen Veränderungen und Unsicherheiten einhergeht, ist sie für stark kontroll- und normorientierte Menschen eine größere Herausforderung als für jene, die Veränderungen offen gegenüberstehen und sich gerne immer wieder neu erfinden.

STANDARD: Leiden Männer anders als Frauen?

Perrig-Chiello: Frauen reden viel über ihre Probleme, Männer hingegen kaum. Beispielsweise bei Beziehungsproblemen – ein häufiges Thema in langjährigen Partnerschaften – reden Frauen dar über mit ihren Freundinnen, holen sich durchaus auch professionellen Rat. Männer meinen hingegen, diese Probleme mit sich selbst ausmachen zu müssen. Deshalb gibt es bei ihnen öfter Kurzschlussreaktionen, weil sie sich zu lange zu wenig mitteilen und irgendwann explodieren.

STANDARD: Sie haben rund 2700 Personen dieses Alters über Partnerschaft, Scheidung und Trennung befragt. Der Grund ist fast immer, dass man sich auseinandergelebt hat, nicht ein neuer Partner.

Perrig-Chiello: Genau. Aufgrund der längeren Lebenserwartung ist eine Ehedauer von 50, 60 Jahren keine Besonderheit mehr. Nur: Wer hält das durch? Die hohen Scheidungsraten, auch im Alter, zeigen, dass neue Modelle entwickelt werden müssen. Man könnte realistischere Ziele setzen, etwa einen Zehn-Jahres-Pakt. Sind Kinder da, vereinbart man, zusammenzubleiben, bis diese aus dem Gröbsten heraus sind.

STANDARD: Nicht sehr romantisch.

Perrig-Chiello: Aber realistisch. Auf immer und ewig – dieser Anspruch gehört hinterfragt. Bis heute empfinden viele eine Scheidung als ein Scheitern. Warum muss das sein? Männer leiden im Vergleich nach einer Scheidung oder dem Tod der Partnerin extrem unter Einsamkeit. Bei unserer Studie hat sich gezeigt, dass rund 20 Prozent aller in Trennung Lebenden gefährdet sind, eine Depression zu entwickeln. Das sind viel zu viele.

STANDARD: Die Kinder müssen umsorgt werden, die Eltern gepflegt. Das kostet Geld und auch viele Nerven. Überfordert das die Menschen?

Perrig-Chiello: Statistiken zeigen deutlich, dass Depressionen ihren Höhepunkt im Alter zwischen 40 und 60 haben. Die gesellschaft lichen Erwartungen sind hoch: Wenn Ihre Mutter krank wird, herrscht doch die Erwartung vor, dass Sie sie pflegen oder zumindest ihre Pflege organisieren. Aber auch auf familiärer Ebene wird Solidarität eingefordert und unter vielen Opfern zumeist auch erbracht – aus Liebe, aber auch aus Pflichtgefühl und Notwendig- keit. Das ist eine Zerreißprobe. Es fehlen die gesellschaftlichen Strukturen, um da ein bisschen zu stützen.

STANDARD: Es fehlt also der gesellschaftliche Umbau, der Menschen etwa bei der Pflege hilft.

Perrig-Chiello: Es gibt viel zu wenig Entlastungsmöglichkeiten. In einer landesweiten Studie in der Schweiz haben wir nachweisen können, dass zwei Drittel der befragten Frauen ihr Arbeitspensum reduzierten, um ihre Eltern zu pflegen, 16 Prozent gaben gar ihren Job auf. Das ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem. Diese Frauen fehlen dem Arbeitsmarkt und ihre Sozialabgaben den Pensionskassen. Einige Betriebe haben reagiert etwa durch Schaffung flexibler Arbeitszeitmodelle oder Beratungsstellen.

STANDARD: Sie haben in Ihren Untersuchungen auch festgestellt, dass vor allem der Tod der Eltern die Menschen in ein Loch fallen lässt. Kann man das so generali sieren?

Perrig-Chiello: Für die meisten ist es eine Zäsur. Da geht es nicht nur um die Eltern, es wird einem damit bewusst, man ist die nächste Generation, die an der Reihe ist. Das zeigt die eigene Vergänglichkeit. (Peter Mayr, DER STANDARD, 7.6.2014)

Pasqualina Perrig-Chiello, geboren 1952, ist Professorin an der Universität Bern (Schweiz) mit dem Arbeitsschwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Sie forscht auch über kritische Lebensereignisse wie Trennung, Scheidung, aber auch Verwitwung. Perrig-Chiello war gerade beim Festakt des 20-jährigen Bestehens des Instituts für Familienforschung (ÖIF) als Gastvortragende in Wien.

  • "Bei fast allen  kommt der Punkt, an dem sie über ein kleiner werdendes Lebenszeitfenster nachdenken. Es zeigt sich eine gewisse Torschlusspanik", sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello.
    foto: öif

    "Bei fast allen  kommt der Punkt, an dem sie über ein kleiner werdendes Lebenszeitfenster nachdenken. Es zeigt sich eine gewisse Torschlusspanik", sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

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