Bunte Gala der späten Jahre

6. Juni 2014, 18:13
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Mit seinem Spätwerk schlug Hans Boehler – Kollege von Schiele, Klimt und Kokoschka – eine farbgewaltige Brücke zur zeitgenössischen Malerei

Engherzig habe die Jury nicht ihres Amtes gewaltet, monierte der Autor eines Berichts zur Frühjahrsausstellung der Wiener Secession im Juni 1910: "Dafür spricht die Zulassung eines absurden Erzeugnisses von Hans Böhler", betitelt Das starke Geschlecht. "Die sichere Zeichnung und die Einheitlichkeit der Vision machen das begreiflich", argumentiert er, "denn sonst wüsste man nicht viel anzufangen mit diesem Sprühregen bengalischer Feuer, in den ein zum Schlag ausholender japanischer Henker und sein herausforderndes weibliches Opfer eingetaucht sind".

Im Jahr davor hatte sich um Egon Schiele die Neukunstgruppe formiert, und der damals 25-jährige Spross der Stahlindustriellenfamilie war an der Gründung beteiligt. Dazu galten die Böhlers neben der Familie Wittgenstein zu den bedeutendsten privaten Kunst- und Kulturmäzenen Wiens.

Vater Otto erkannte das Talent seines Sohnes, entband ihn von Verpflichtungen im Familienunternehmen und ebnete ihm eine künstlerische Laufbahn.

Hans Boehler - so die noch zu Lebzeiten geänderte, internationale Schreibweise - erhielt seine Ausbildung nicht an der Akademie, sondern (ab 1902) in der privaten Malschule Franz Jaschkes. Dessen pointillistischer Stil hinterließ im Frühwerk Boehlers eindeutige Spuren. Das zeitgenössische Umfeld ebenso, wie die teils epigonenhafte Anmutung der um 1910/12 entstandenen Zeichnungen belegt, die jedoch an den Vorbildern scheitert: an Kokoschka, an Schiele und an Klimt sowieso.

Boehlers "Schule des Sehens"

Nur einmal, 1910, legte ihm die Familie Zügel an, einer "unpassenden" Liaison mit Friederike ("Frizi") Beer wegen, der Tochter einer Barbesitzerin und eines Weinhändlers, die Boehler 1916 von Klimt porträtieren ließ. Hans wurde zu einer längeren Geschäftsreise in den Fernen Osten verdonnert, um Interessen des Unternehmens wahrzunehmen. Eine erste wesentliche Etappe auf seinem künstlerischen Weg, seiner "Schule des Sehens", die fern wienerischer Dünkel irgendwann zu einem eigenen Stil führte. Die Stationen der Boehler'schen Entwicklung schmücken (bis 21. Juni) die Wände des Kunsthandels Giese & Schweiger. Und bilden dabei die Ouvertüre zu der von Kompromissen und Zwängen befreiten Gala der späten Schaffensjahre.

Diese nach 1945 in Österreich und New York, Boehlers Wahlheimat ab 1936, entstandenen Werke sind - gemessen an den sonst am Kunstmarkt geläufigen, etwa den sorgfältig komponierten Landschaften der 1920er- und 30er-Jahre - überraschend: großformatig, das Wesentliche mit Kohlestift oder in satten Pinselstrichen auf Leinwand gebannt, und dann "sonder- wie wunderbar farbstark", wie es Herbert Giese formuliert. Boehler sei ein mit größtem Ordnungsgefühl ausgestatteter Farbexpressionist, der mit seinem späten OEuvre "eine Brücke zu zeitgenössischer Malerei" schlug, zu den Neuen Wilden oder zur Dresdner Schule der 1990er: mit 7000 bis 16.000 Euro für Zeichnungen bzw. 30.000 bis 95.000 für Gemälde in einer noch moderat gehandelten Preisklasse.

Die letzten Jahrzehnte lagerten diese Werke in den USA, erzählt Alexander Giese. Nun erwarb man den verbliebenen Boehler-Nachlass, die Kunstwerke, Aufzeichnungen und Dokumente. Von den Nachkommen Friederike Beer-Montis übrigens. Denn trotz familiärer Interventionen waren sich Hans und "Frizi" ein Leben lang eng verbunden geblieben. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 7./8./9.6.2014)

  • "High Noon" (65.000 Euro) heißt dieses großformatige, aus dem Nachlass des  Künstlers stammende Gemälde: das letzte, das Hans Boehler vor seinem Tod im Jahr  1961 schuf.
    foto: giese & schweiger

    "High Noon" (65.000 Euro) heißt dieses großformatige, aus dem Nachlass des Künstlers stammende Gemälde: das letzte, das Hans Boehler vor seinem Tod im Jahr 1961 schuf.

  • Der Nachlass von Hans Boehler (1884–1961), dem Spross einer Stahl industriellenfamilie,  kehrte jetzt aus den USA nach Wien zurück.
    foto: giese & schweiger

    Der Nachlass von Hans Boehler (1884–1961), dem Spross einer Stahl industriellenfamilie,  kehrte jetzt aus den USA nach Wien zurück.

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