Der Lehrer, die Ohnmacht

6. Juni 2014, 18:41
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Missverständnisse, Verfehlungen, Verlegenheiten, Verschiebungen und ein falsches Quartett. Martin R. Deans Roman über Literatur, das Leben und die Schule des Scheiterns

Wie leicht ein Leben misslingen konnte.“ Lucas Brenner, Deutschlehrer an einem Gymnasium, erinnert sich an den Sturz seiner Frau beim Eislaufen. Sie waren jung verliebt, Lisa schwanger. Durch den Unfall verlor sie das Kind, und auch später konnte sie deshalb keine Kinder bekommen. Getrennt haben sie sich nicht, aber eine „Gemeinschaft“, wie Lucas es ausdrückt, sind sie nie geworden: „nur Mann und Frau“. Lucas’ und Lisas Leben steckt in einer Krise, privat ebenso wie beruflich. Aus der Not her aus wagen beide neue Wege, riskante Beziehungen.

Im Kern von Martin R. Deans Roman Falsches Quartett wirkt eine ebenso einfache wie fatale Mechanik: Lucas verliebt sich in seine Schülerin Nadia. Lisa, die sich zur Kunstfotografin entwickelt, schläft mit Deniz Karman, der bei ihr modelt. Der türkischstämmige Schüler mit dem großen Kopf ist Klassenkamerad von Nadia. Deniz liebt Nadia. Nadia liebt weder Lucas noch Deniz. Missverständnisse, Verfehlungen, Verlegenheiten, Verschiebungen: Bausteine zu einem Schwank oder zu einem Melodram. Dean hat sich fürs Melodram entschieden: Nadia bringt sich um. Lucas und Deniz erkennen ihre nicht wiedergutzumachende Schuld.

Lucas zieht sich auf eine Tessiner Alp und in die Wälder Kanadas zurück, Lisa in ein Pariser Atelier. Erst im allerletzten Satz des Romans finden sie dann doch in eine „Gemeinschaft“ – aber in welche? Lisa gibt Paris und ihre Kunst auf, kommt nach Hause, Lucas’ Schuhe sind weg: „Nun wusste sie, dass er im Wald war. Sie setzte sich an den Küchentisch und freute sich auf sein Gesicht.“ Fast scheint es, als könnte jetzt, nachdem allen fast alles misslungen ist, endlich nichts mehr misslingen. Aber der Satz bleibt ernüchternd offen: Die Fotografin Lisa interessierte sich doch immer schon nur für Ge sichter, im Profil womöglich. So musste sie sich selbst nicht zeigen. Analog dazu: Lucas sprach mit seinen Eleven nicht nur über, sondern vor allem durch die Literatur. So konnte er selbst stumm bleiben.

Solch asymmetrische Symme-trien erweisen Dean als Könner seines Fachs. Klassisch, austariert handhabt er die Form des Romans. Man sollte ihn allerdings nicht als Spiegel der heutigen Schule lesen, auch wenn er dies manchmal zu wollen scheint und viele, fast zu viele ihrer inneren und von außen in sie hineingetragenen Probleme aufscheinen lässt. Brenner scheitert jedenfalls nicht an der Bildungspolitik. Die Schule dient dem Roman eher als Bühne, auf der das Schicksal des „Quartetts“ seinem kritischen Moment zugeführt und – mindestens vorübergehend – zur Entscheidung gebracht wird.

Projektionen

Bei der handwerklichen Ausführung des Romans – angesichts der relativen Gewöhnlichkeit eines realen Schulalltags kann man das vielleicht auch verstehen – ist Dean der Versuchung gängiger Erwartungen und Projektionen nicht immer entgangen. Er dramatisiert und überhöht, was gar nicht nötig wäre. Lucas Brenner ist ein Lehrer, wie er „im Buche steht“.

Auch der Direktor und die Kollegen, die Schülerinnen und Schüler geraten zu Typen. Auch die schwarzhaarige, introvertierte, familiengeschädigte, suizidgefährdete, geheimnisvolle, unnahbare, unschuldige Nadia. Das ist zu widerspruchsfrei. Zum „Entwurf“, den Lisa einmal im Gespräch mit Deniz von der Kunst erwartet, fehlt Deans Roman der ungesicherte, auch subjektive Blick. Brenner versteht seinen Unterrichtsauftrag therapeutisch.

Dean versucht die Diagnose. Dabei werden die Figuren zu Fällen, die kaum konkret werden und sich lebendig entwickeln können, auch auf unkontrollierte Weise. Eros und Thanatos ist das Interpretationsmuster. Die Klassenlektüre, die Dean Brenner wählen lässt, spricht Bände: Froschkönig, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Werther. Ihnen entnommene Motive und Symbole – der Fluss, das Floß beispielsweise – lenken wie Signale den Gang des Lesens. Oft genug in passenden Farben. Das grenzt manchmal ans Triviale. Was erst noch gedeutet werden müsste, ist es schon. Die litera rische Leistung besteht dann im Vollzug.

Am Ende der Tod

Deniz Karmans großer Kopf beispielsweise, auffällig für alle, schon vom Tag seines Schuleintrittes an, vom Beginn des Romans weg. Am Ende, nach dem Tod Nadias, erinnert sich Deniz: Eines Tages werde einer kommen, der sie liebe, habe sie noch zu ihm gesagt. Und Deniz: „Natürlich hätte ich ihr sagen müssen, dass ich es war. Ich, Karman, der Frosch mit dem großen Kopf.“

Manchmal scheint es, als würde Dean auf kritische Distanz gehen zu Brenner, nähme ihn auch nicht in Schutz vor Ungerechtigkeiten, parodierte gar seine abstruse Didaktik: „Der Lehrer, der die Ohnmacht vor einer Klasse nicht aushält, konnte ihr nicht nahe kommen“, sagt Brenner. Dazu liegt er „wie ein Insekt“ vor seiner Klasse auf dem Rücken, um ihr Werthers „Ort in der Natur“ anschaulich zu machen. Aber ein schlechter Lehrer ist er dennoch nicht, kann er im System des Romans nicht sein. Ein schlechter Lehrer könnte nicht scheitern. Und nur aus dem Scheitern kann man lernen. Das Falsche Quartett ist kein Buch über die Schule, aber vielleicht eines für die Schule. (Samuel Moser, Album, DER STANDARD, 7./8.6.2014)

Martin R. Dean, „Falsches Quartett“. Roman. € 22,00 / 278 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2014

  • Relative Gewöhnlichkeit des realen Schulalltags. Der 1955 geborene Schweizer Autor Martin R. Dean versucht in seinem neuen Roman „Falsches Quartett“ die Diagnose.
    foto: claude giger

    Relative Gewöhnlichkeit des realen Schulalltags. Der 1955 geborene Schweizer Autor Martin R. Dean versucht in seinem neuen Roman „Falsches Quartett“ die Diagnose.

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