Pilsen: Große Manege der Marionetten

8. Juni 2014, 17:30
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2015 ist Pilsen Europäische Kulturhauptstadt. Dann will man dort humorvoll mit dem Zirkus-Erbe umgehen und die Tradition des Marionettentheaters erneuern

In der Sonne leuchtet das Gold so grell, dass es blendet. Aus einer güldenen Skulptur, vier Meter hoch, sprudelt Wasser in ein graphitgraues Becken. Gleich drei dieser Goldbrunnen markieren die Eckpunkte des Republikplatzes, dem Foyer zu Pilsen. Präsenter kann Prunk kaum sein. Und das in einer Stadt, die auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch lange als ziemlich schmucklos galt.

Langsam bewegt sich etwas

Für viele Pilsener waren die modernen Objekte ein Ärgernis, als sie 2008 aufgestellt wurden. "Pilsen ist eine konservative Stadt", sagt die Architektin Anna Hostičková, die an der Neugestaltung der Fläche um die mittelalterliche Bartholomäus-Kathedrale beteiligt war. Nun bewege sich etwas, sagt sie – schön langsam.

Mittlerweile wird das Image des schmutzigen Industriestandorts dem rundumerneuerten Antlitz der viertgrößten Stadt Tschechiens nicht mehr gerecht. Nach der Wende von 1990 hat sich Pilsen sukzessive verschönert und erhielt eine "grüne Renovierung", bei der Parks mit Liegewiesen und Wasserinseln entstanden sind. Das historische Herzstück zeigt sich jetzt wie eine Puppenstuben-Altstadt.

Denkmäler für Bier und Stahl

Sauber herausgeputzte Häuser gruppieren sich um den Platz der Republik – aus der Zeit der Gotik, der Renaissance, des Barocks und des Jugendstils. Imposante Denkmäler aus Epochen, in denen die westböhmische Metropole durch Handel, Bier und Stahl reich wurde. Die goldenen Designerbrunnen des Künstlers Ondřej Císler versuchen einen eleganten Bogen ins 21. Jahrhundert zu schlagen.

"Open up" heißt das Motto für Pilsen im kommenden Jahr als Europäische Kulturhauptstadt – öffne dich. Öffne die Augen für das andere, das Fremde, das Ungewohnte, formuliert Jirí Sulženko, der Programmdirektor von Pilsen 2015. Der Anspruch ist ebenso hochgesteckt wie selbstkritisch: Mentale Mauern sollen niedergerissen werden – bei den Gästen wie bei den Pilsenern selbst, die angeblich immer noch „Stacheldraht im Kopf“ haben. Pilsen war lange Zeit ein vergessener Winkel, ein geschundenes Gebiet nahe der einstigen „Ost-West-Grenze“, das sich wie eine Festung verschanzt hatte.

Manege ohne Tusch und Tiere

Wie üblich in Kulturhauptstadtjahren wird Pilsen 2015 ein Kaleidoskop von Ausstellungen, Tanz, Theater, Festivals, Konzerte von Klassik bis Pop auf die Beine stellen sowie 600 weitere Aktionen. Eine echte Besonderheit ist aber der Schwerpunkt "Neuer Zirkus". In der Manege ohne Tiere und Tuschkapelle sieht Petr Forman die Fortsetzung der in Pilsen verwurzelten Tradition des Marionettentheaters und des tschechischen Humors.

Pilsen hält der künstlerische Leiter, selbst Zirkusmann, für den idealen Ort, um hier Fantasiewelten, Träume und Emotionen anzusiedeln. Die seien heutzutage besonders wichtig, weil der Mensch zu viel denke und zu wenig fühle. Ihm fehle der Zirkus, sagt Petr, der Sohn des Filmemachers Miloš Forman. Dafür werden im Kulturjahr gleich mehrere internationale Zirkuskompanien in Zelten, auf Bühnen und Plätzen gastieren.

Bereit, über sich selbst zu lachen

Worüber Menschen lachen, habe übrigens nichts mit ihrer Nationalität zu tun, glaubt Forman. Es komme nur darauf an, ob man auch bereit ist, über sich selbst zu lachen. Bei "Open up", wo sich Gäste und Gastgeber trotz Sprachbarrieren näherkommen sollen, kann das gewiss nicht schaden.

Originell ist zudem das Projekt "Verborgene Stadt". So heißen Stadtführungen per mobiler App, bei der erlebte Geschichten von Bewohnern erzählt werden. Sie sind in Themen wie Architektur, Zivilcourage oder Kunst zusammengefasst und zumindest auch auf Englisch verfügbar. Wer sich etwa für das Thema "Industrie" entscheidet, erfährt von einem früheren Mitarbeiter der Škoda-Werke, dass dort Bomben im Auftrag der deutschen Wehrmacht gebaut und über London abgeworfen wurden – aber nicht explodierten.

Lohnend ist zudem die Tour zu den Adolf-Loos-Wohnungen, von denen es in Pilsen rund zwanzig gab. Vier restaurierte Interieurs, die der Architekt in den 1930er-Jahren schuf, werden im nächsten Jahr zu sehen sein. Nach Wien war Pilsen eine der wichtigsten Wirkungsstätten von Loos.

Brauereien zu Kulturräumen

Nicht alles ist in Pilsen schon zu Ende gedacht oder gar fertiggestellt, und man spürt den Druck der Organisatoren. Bis zur Eröffnung am 17. Jänner 2015 ist es nicht mehr lang. Vor dem neuen J.-K.-Tyl-Theater stehen noch Bauzäune, und der Umbau von Industriebrachen wie der alten Světovar-Brauerei zu Kulturräumen ist längst nicht abgeschlossen.

Zum Inventar von Pilsen gehört mittlerweile das moderne interaktive Marionettenmuseum: drei Stockwerke voller Spielpuppen – wertvolle Marionetten, Mannequins und Stockpuppen. Mit den ältesten aus dem 18. Jahrhundert tourten fahrende Komödianten durchs Land. Um 1880 erhielt Pilsen das erste stehende Theater.

Die Puppenspieler trafen den Nerv der Zeit mit dem erwachenden Nationalismus der Tschechen durch Stücke wie Der brave Soldat Schwejk von Jaroslav Hašek. Böhmen gehörte noch zur Habsburger Monarchie: Handpuppen gegen Österreich gerichtet, humorvoll und auf Tschechisch gespielt – das fand regen Zuspruch. Dank der Pilsener Künstler Josef Skupa, der den "Revolutionskasperl" und die Figuren Spejbl und Hurvínek erfunden hatte, und Jiří Trnka wuchsen mehrere Generationen in Osteuropa mit Marionetten auf.

Pflicht und Neugier

Hat man die Brauerei Pilsen besucht, die unterirdischen Kelleranlagen, die sich über 14 Kilometer erstrecken, das Franziskanerkloster und Europas zweitgrößte Synagoge, ist hier das Pflichtprogramm normalerweise absolviert. Neugierige Städtetouristen müssen ihren Blick schon schärfen, um mehr zu entdecken. Denn zum Shoppen ist man nicht hergekommen. Noch wurden die alten Fassaden nicht weit aufgemacht für Schaufenster mit teuren Designerstücken, noch sind die ewig gleichen Luxuslabels hier nicht eingezogen. Viele Besucher Pilsens ahnen schon, dass sie sich beeilen müssen, wenn sie hier vom authentisch Andersartigen noch etwas aufschnappen wollen. Alles wirkt eine Spur bescheidener, unaufgeregter. Und irgendwie kommt einem genau das so sympathisch vor. Pilsen ist herrlich altmodisch.

Schaut man aber genauer hin, sind durchaus zarte Anfänge mutigen Unternehmertums zu erkennen. Dafür stehen etwa das gemütliche Orient Coffee mit eigener Rösterei, das vegetarische Bistro Anděl, das Restaurant Delish, das Bioburger serviert, oder die Vinothèque Le Bouchon – mit erstklassigen Weinen aus Mähren. Und das alles in glücklicher Koexistenz mit den göttlichen böhmischen Knödeln in den vielen traditionellen Gasthäusern.

Gerstensaft ist billig und verleiht Sitzfleisch

Das vollmundige Pilsener Urquell fließt freilich überall, denn der Gerstensaft ist billig und verleiht Sitzfleisch. Andere Biere findet man höchstens in Zach’s Irish Pub, wo man immerhin zehn verschiedene Sorten kennt. Das Nachtleben spielt sich fast ausschließlich in Bierlokalen ab, und Glück bedeutet für viele, dass sie sich etwa im trendigen The Pub Club ihr Bier selbst zapfen können.

Es gibt hier aber noch eine weitere Instanz für das Glück – die Pilsener nennen sie den "Abgetasteten". Seinetwegen machen viele einen Umweg zur Kathedrale, vor der sich ein Gitter mit 25 Engeln befindet. Der eine entscheidende ist der Elfte von links, sichtbar blankpoliert. Wenn man ihn berührt, gehen in Pilsen alle Wünsche in Erfüllung. (Beate Schümann, Album, DER STANDARD, 7.6.2014)

Diese Reise erfolgte auf Einladung der Tschechischen Zentrale für Tourismus.

  • Die güldenen Brunnen an allen Ecken und Enden des Republikplatzes sollen eine neue, prunkvolle Epoche in Pilsen einläuten.
    foto: beate schümann

    Die güldenen Brunnen an allen Ecken und Enden des Republikplatzes sollen eine neue, prunkvolle Epoche in Pilsen einläuten.

  • Sehenswert
Das Marionetten Museum, Nám.  Republiky 23; Brauerei Pilsener  Urquell,  U Prazdroje 7, Eintritt mit Führung: 190 Kronen (7,50 Euro)
Brauereimuseum mit historischen Kelleranlagen, Veleslavínova 6,  Eintritt: rund 4 Euro (Führung)
Touristische Infos: Tschechisches Zentrum Wien, Herrengasse 17, 1010 Wien, Tel.: +43-1-535 23 60.
Der Webauftritt zur Kulturhauptstadt Pilsen enthält ebenso Informationen zu Veranstaltungen im Jahr 2014 wie zu den Programmen für 2015 und wird laufend aktualisiert.

    Sehenswert

    Das Marionetten Museum, Nám. Republiky 23; Brauerei Pilsener Urquell, U Prazdroje 7, Eintritt mit Führung: 190 Kronen (7,50 Euro)

    Brauereimuseum mit historischen Kelleranlagen, Veleslavínova 6, Eintritt: rund 4 Euro (Führung)

    Touristische Infos: Tschechisches Zentrum Wien, Herrengasse 17, 1010 Wien, Tel.: +43-1-535 23 60.

    Der Webauftritt zur Kulturhauptstadt Pilsen enthält ebenso Informationen zu Veranstaltungen im Jahr 2014 wie zu den Programmen für 2015 und wird laufend aktualisiert.

  • Anreise & Übernachten
Von Wien sind es rund viereinhalb Autostunden nach Pilsen, von Linz gut dreieinhalb. 2005 wurde eine neue Direktverbindung mit dem Zug zwischen Wien und Pilsen eingerichtet – die es leider schon wieder nicht mehr gibt. Kürzeste Verbindung mit dem Zug von Wien via Regensburg nach Pilsen in sechs Stunden; ab Linz über Budweis in viereinhalb Stunden.
Effiziente Öffis in Pilsen, für Touristen gibt es einen vereinfachten Plan, auch online unter: www.pilsen.eu.
Unterkunft: etwa  das Hotel Rous, Zbrojnická 7, schönes Bürgerhaus, dessen Geschichte bis zur Gründung der Stadt Pilsen im Jahre 1295 zurückgeht, Doppelzimmer ab 75 Euro.

    Anreise & Übernachten

    Von Wien sind es rund viereinhalb Autostunden nach Pilsen, von Linz gut dreieinhalb. 2005 wurde eine neue Direktverbindung mit dem Zug zwischen Wien und Pilsen eingerichtet – die es leider schon wieder nicht mehr gibt. Kürzeste Verbindung mit dem Zug von Wien via Regensburg nach Pilsen in sechs Stunden; ab Linz über Budweis in viereinhalb Stunden.

    Effiziente Öffis in Pilsen, für Touristen gibt es einen vereinfachten Plan, auch online unter: www.pilsen.eu.

    Unterkunft: etwa das Hotel Rous, Zbrojnická 7, schönes Bürgerhaus, dessen Geschichte bis zur Gründung der Stadt Pilsen im Jahre 1295 zurückgeht, Doppelzimmer ab 75 Euro.

  • Essen, Trinken, Ausgehen
Pi.Jez.Pi, in der Americká 38: erstklassige Steaks
Bistro Anděl, Bezručova 5: vegetarische  Küche
Delish Burger, Riegrova 20: Burger aus Biofleisch
Café Orient Coffee, Nám.  Republiky 21, eigene Rösterei
Vinothèque Le Bouchon, Pražská 23: gute  Auswahl regionaler Weine
Bierlokale und Ausgehen:  Camel Bar, Nám. Republiky 14; The Pub Club; Zach’s Pub,  Palackého nám. 31/2
weitere  Adressen: www.pilsen.eu/turist/ freizeit/nachtleben/

    Essen, Trinken, Ausgehen

    Pi.Jez.Pi, in der Americká 38: erstklassige Steaks

    Bistro Anděl, Bezručova 5: vegetarische Küche

    Delish Burger, Riegrova 20: Burger aus Biofleisch

    Café Orient Coffee, Nám. Republiky 21, eigene Rösterei

    Vinothèque Le Bouchon, Pražská 23: gute Auswahl regionaler Weine

    Bierlokale und Ausgehen: Camel Bar, Nám. Republiky 14; The Pub Club; Zach’s Pub, Palackého nám. 31/2

    weitere Adressen: www.pilsen.eu/turist/ freizeit/nachtleben/

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