Vielleicht brauchen wir ein neues Geldsystem

Blog8. Juni 2014, 20:48
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Wenn die Nullzinspolitik der großen Notenbanken anhält, dann wackelt das gesamte Bankwesen 

Ich stand den Forderungen nach einem völligen Umkrempeln unsere Geld- und Bankwesens in Richtung eines 100-Prozent-Reserven- oder Vollgeldsystems bisher kritisch gegenüber, und bin auch noch heute skeptisch.

Vor allem die Stimmen, die in der Tatsache eine illegitime Anmaßung sehen, dass Banken einen Großteil der Giro- und Spareinlagen, die sie erhalten, wieder verleihen und damit entscheidend zur Geldschöpfung beitragen, bleiben mir suspekt. Das ist falsch verstandener Moralismus.

Aber angesichts der jüngsten Entwicklungen sehe ich starke Gründe, diese alternativen Vorschläge ernst zu nehmen und intensiv zu diskutieren. Auch angesehene Kommentatoren wie Martin Wolf von der Financial Times haben bereits damit begonnen.

Chicago-Plan und Vollgeld

Zu den Vorschlägen gehören der Chicago-Plan aus den 1930er-Jahren von Irving Fisher und heute die verschiedenen Vollgeld-Initiativen, die derzeit in Deutschland und der Schweiz betrieben und in Österreich vom Publizisten Christian Felber in seinem neuen Buch "Geld – die neuen Spielregeln" propagiert werden.

Die Idee hinter all diesen Plänen ist, dass das Geldsystem zweigeteilt wird. Die Zahlmittel für Transaktionen werden in einem eigenen Kreislauf gehalten, Spareinlagen in einem anderen. Banken oder andere Finanzdienstleister kümmern sich um die Zahlungen und verlangen dafür Gebühren. Wer sparen will, steckt das in eine Art Investmentfonds, der diese Gelder dann verleiht.

Aus für klassische Banken

Was Banken nicht mehr tun dürfen, ist kurzfristige Gelder in längerfristige Kredite zu verwandeln und damit die Geldmenge zu erhöhen. Wenn diese Reform kommt, wird es klassische Banken gar nicht mehr geben.

Im Gegenzug wird die jeweilige Zentralbank die gesamte, für den Wirtschaftskreislauf notwendige Geldmenge selbst zur Verfügung stellen. Wenn sie dies über den Staat macht, dann muss sich dieser nicht mehr verschulden. Mit einem Schlag wäre das Schuldenproblem gelöst.

Keine kurzfristigen Zinsen mehr

Vieles an diesen Modell kann hinterfragt werden. Das Hauptproblem, das ich bisher sah, ist, dass einfache Bürger sich genau entscheiden müssten, wie viel Geld sie flüssig halten und wie viel sei für wie lange sparen wollen. Zinsen für täglich fälliges oder kurzfristig verfügbares Geld gäbe es keine mehr. Das ist vor allem in Zeiten höherer Inflation ein Problem.

Doch Zinsen sind auch heute kaum noch zu finden. Die Nullzinspolitik der großen Notenbanken, der sich nunmehr auch die EZB angeschlossen hat, führt das bisherige Bankwesen ad absurdum. Wenn man als Normalbürger nur noch über Risikoanlagen Renditen verdienen kann, dann braucht man auch keine Banken mehr.

Man traut den Banken nicht

Die steigenden Eigenkapitalanforderungen, die mit Basel III wahrscheinlich noch nicht den Höhepunkt erreicht haben, schränken die Kreditvergabe der Banken ebenfalls immer mehr ein. Sei zeigen auch, dass man den Banken nicht traut, mit dem Privileg der privaten Geldschöpfung verantwortungsvoll umzugehen.

Und wie man in Teilen der Eurozone derzeit sieht, funktioniert auch der private Kreditkreislauf nicht mehr. Unternehmen, die Kredite brauchen, erhalten sie oft nicht, weil die Banken sich nicht trauen und lieber ihre Liquidität zur EZB tragen. Schon jetzt sind die Notenbanken tief in die Kreditsteuerung involviert, die eigentlich der private Sektor erledigen sollte.

Kreditkarten und Paypal

Dazu kommt, dass Banken auch im Zahlungsverkehr eine immer geringere Rolle spielen. Schon jetzt läuft viel über Kreditkartenfirmen und Online-Zahlungssysteme wie Paypal; in Zukunft werden wohl auch bei uns – wie schon jetzt in Afrika - Mobilfunkanbieter zu Finanzdienstleistern mutieren. Die Trennung von Zahlungssystemen und Geldanlage ist bereits im Laufen.

All das macht eine Abkehr vom historisch gewachsenen Geld- und Bankwesen plausibler und wahrscheinlicher. Vollgeld würde die Gefahr von Bankenpaniken eliminieren und hätte auch andere Vorteile. Die Nachteile, die es sicher auch gibt, würden wie erst dann zu spüren bekommen, wenn das System ausprobiert wird.

Offene Diskussion gewünscht

Aber schon jetzt würde ein offene Diskussion, in der sich auch hochrangige Gegner zu Wort melden, helfen, die Stärken und Schwächen besser abschätzen zu können. Bisher hat die Mainstream-Ökonomie die Alternativvorschläge einfach ignoriert.

Wenn die Nullzinsphase bald wieder vorübergeht und die neuen strengen Bankenregulierungen greifen, dann kann man sich da Experiment vielleicht ersparen. Aber wenn EZB und Fed noch auf Jahre die Zinsen so niedrig halten, weil sie sonst keine Chance auf eine ausreichende Kreditvergabe sehen, dann könnte die Zeit für radikale Alternativen tatsächlich gekommen sein.

Vollgeld wäre nicht demokratischer und auch nicht moralischer als unser jetziges System. Aber wenn es besser funktioniert, dann hätte es seine Berechtigung. (Eric Frey, derStandard.at, 9.6.2014)

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