Europa, Amerika und der "E-Day"

Kommentar6. Juni 2014, 07:43
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Der Westen ist in der (Ukraine-)Krise, weil er sich seiner selbst nicht mehr sicher ist

Es ist großes Theater, eine politische Inszenierung über Tage und Länder hinweg: Wenn einander dieser Tage die mächtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt in wechselnder Besetzung in Europa treffen, wird umgehend klar, dass etwas in Bewegung geraten ist auf unserem Kontinent. Beim "Fest der Freiheit" in Polen, dem G-7-Gipfel in Brüssel und den Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag des "D-Day" in Frankreich finden sich Anhaltspunkte, mit denen sich eine nachhaltig veränderte geopolitische Lage beschreiben lässt.

Ernüchterung, Enttäuschung, Entfremdung

Dass die Ukraine-Krise über all den Veranstaltungen schwebt, ist evident. Nach der Implosion der Sowjetunion haben es die USA in den 1990ern als einzig verbliebene Supermacht verabsäumt, ihre Friedensdividende einzufahren und dem Kontinent - gemeinsam mit Europäern und Russen - eine neue Ordnung zu geben. Nun müht sich Moskau, so etwas wie eine anderthalbpolare Weltordnung aufzuziehen - mit dem bemerkenswerten russischen Talent, siegend zu verlieren. Alle unbefangenen politischen Beobachter sind sich einig, dass Wladimir Putins taktischer Sieg auf der Krim strategisch - also langfristig - politisch wie ökonomisch negative Konsequenzen zeitigen wird, die den schlichten Territorial- und Propagandagewinn bei weitem übersteigen werden.

Die weniger offensichtlichen Signale der Gipfel-Serie allerdings betreffen den alten "Westen" selber. Wird am "D-Day" des Beginns der Befreiung Kontinentaleuropas vom Nazi-Faschismus gedacht, stellt sich diesmal unter den West-Alliierten (inzwischen inklusive Deutschland) auch eine andere Befindlichkeit ein: Es ist eine Art "E-Day", bei dem das "E" für Ernüchterung, Enttäuschung, ja, Entfremdung stehen mag. Und das ist die substanziell gefährlichere Entwicklung im Vergleich mit dem grobschlächtigen militärischen Muskelspiel Putins.

Transatlantisches Band wird dünner

Europa und die USA driften seit geraumer Zeit deutlich sichtbar auseinander, das transatlantische Band wird dünner. Spricht Obama in Warschau von der Freiheit, die es nicht nur für sich selber zu schützen gelte, sondern auch für andere herzustellen, ist nicht mehr klar, dass Amerikaner und Europäer gemeinsam das Gleiche meinen wie noch zu Zeiten des "D-Day" oder des Kalten Krieges. Geben sich Obama, Merkel und Konsorten noch so große Mühe, Differenzen zu verdecken, ist es völlig klar, dass es mit dem NSA-Skandal, den Versuchen der Amerikaner, dem Euro zu schaden, dem Unmut über das Freihandelsabkommen TTIP und den Konflikten um die Lastenverteilung in der Nato viele Zerwürfnisse gibt. So viele, dass die USA und Europa trotz aller gegenteiligen Beteuerungen nicht in der Lage sind, den neuen autoritären Herausforderungen in der Welt so geschlossen zu begegnen, wie man seinerzeit am Ende doch geeint gegen die mörderische Nazi-Diktatur aufgestanden ist.

Die Ukraine-Krise ist auch eine Krise des "Westens", weil sich dieser seiner selbst nicht mehr sicher ist. Die ideologische Entfremdung zwischen den USA (deren britischem Schoßhündchen und osteuropäischen Vasallen) und dem "alten Europa" (Donald Rumsfeld) macht es jenseits aller nationalen Interessen schwer, Bedrohungen im (Fernen) Osten im Wortsinn die Stirn zu bieten.

Insofern ist es beinahe gleichgültig, dass Obama Putin in Frankreich nicht treffen will. Es wäre ohnehin besser, er würde sich mit den US-Alliierten in neues Einvernehmen setzen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 6.6.2014)

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