Geschichtsklitterung im Wichs

Analyse5. Juni 2014, 18:25
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Weil sie politisch an Boden verlieren, versuchen Burschenschaften, über die Umdeutung ihrer Geschichte an Terrain zu gewinnen – Das ist so dreist wie durchschaubar

Nicht oft kommt es vor, dass sich Historiker mittels Presseaussendung zum tagesaktuellen Geschehen äußern. Ihr Geschäft ist die differenzierte Analyse – und nicht die flotte Ansage. Meist werden Historiker von Journalisten nach Hintergründen befragt, um besonnene Einschätzung gebeten, aus Anlass von Gedenktagen oder Jubiläen. Es muss schon triftige Gründe haben, wenn sich Wissenschaftler selbst zu Wort melden.

Das burschenschaftliche „Fest der Freiheit“ unter dem liberalen Banner von 1848 am Mittwoch war ein triftiger Grund. Mehrere führende Historiker des Landes verwehrten sich im Vorfeld gegen den dreisten Versuch der Umdeutung der Geschichte. Darunter der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner, und die beiden Grazer Universitätsprofessoren Helmut Konrad und Dieter Binder. Für sie ist die bürgerliche Revolution von 1848 die „Basis einer gemeinsamen europäischen Tradition und Geburtsstunde unserer heutigen modernen Gesellschaft“. Das völkische Freiheitsverständnis der Burschenschaften hat damit über weite Strecken herzlich wenig zu tun.

Beim „Fest der Freude“ fand nicht weniger als der Versuch einer historischen Umdeutung statt: Vertreter großteils schlagender Verbindungen versammelten sich in der Hoffnung, sich durch den Bezug auf 1848 ein liberaleres Antlitz zu verleihen und politische Legitimität zu erlangen. Weil sie politisch an Boden verlieren und ihnen auf der Straße Widerstand entgegenschlägt, arbeiten Burschenschaften heute verstärkt an der Umdeutung ihrer eigenen Geschichte. Sie tun so, als sei liberales Denken in ihren Kreisen dominant – und nicht gestrige Deutschtümelei.

Das Freiheitsverständnis der Burschenschaften ist aber kein liberales und individuelles, sondern ein zutiefst völkisches. Das völkische unterscheidet sich grundlegend vom bürgerlichen Freiheitsstreben, wie es vor 1848 etwa in der Französischen Revolution seinen Ausdruck fand. Wenn sich die Burschenschaften also auf 1848 berufen, treiben sie ein übles Spiel mit der Freiheit: Sie reklamieren den Kampf für bürgerliche Rechte und Meinungsfreiheit für sich. Das beherrschen sie, Umdeutung haben sie drauf. Sie holen einen bestimmten, durchaus nicht erlogenen Strang ihrer Geschichte in den Vordergrund, um die spätere Entwicklung auszublenden.

Auch das „Fest der Freiheit“ war geschickt angelegt: Die Gründung einer wissenschaftlich tönenden „Forschungsgesellschaft Revolutionsjahr 1848“, der Jurist Peter Krüger als das seriöse Gesicht des Ganzen, das ständige Gerede davon, dass man Opfer einer „linken Meinungsdiktatur“ sei. Obwohl man, geschützt von etwa 1000 Polizisten, völlig unbehelligt in Repräsentativräumen der Innenstadt  feiern konnte. Wirklichkeit und Selbstwahrnehmung – bei den Burschenschaften klaffen sie gerne auseinander.

Freilich: Ein undifferenziertes Gleichmachen aller Verbindungen dient niemandem. Es sind gerade jene Burschenschaften, die in ideologischer Tradition des Nationalsozialismus stehen, die nun den bürgerlichen Freiheitsbegriff für sich in Anschlag bringen. Die ihre Rolle und Verantwortung auf dem Weg Österreichs in den Nationalsozialismus und die Verstrickung in seine Verbrechen verdecken wollen. Das ist nicht weniger als Geschichtsklitterung. (Lisa Mayr, derStandard.at, 5.6.2014)

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