Berlin erhält ein Versuchslabor für drei Religionen

6. Juni 2014, 05:30
332 Postings

Ein weltweit einmaliges Gotteshaus entsteht in Berlin. Christen, Juden und Muslime werden dieses "House of One", wie sie es selbst nennen, gemeinsam nutzen. Und alle drei versichern: Wir wollen einander besser verstehen, aber keiner soll den anderen missionieren

Man darf es ruhig sagen: Der Petriplatz in Berlin-Mitte, immerhin nach dem heiligen Petrus benannt, ist kein schöner Ort. Neben der mehrspurigen Gertraudenstraße wuchert das Unkraut zwischen staubigen Steinen, am Bauzaun sammeln sich die Bierdosen.

Dennoch strahlen der evangelische Pfarrer Gregor Hohberg, Rabbiner Tovia Ben-Chorin und Imam Kadir Sanci um die Wette. In der Hand halten sie drei Grundsteine, die etwas ganz Neues begründen sollen: ein Gotteshaus, in dem alle drei Weltreligionen neben- und miteinander Platz finden sollen.

"Das wird das wundersamste Haus von Berlin", erklärt Pfarrer Hohberg, wobei der Begriff "Haus" recht untertrieben ist. Schließlich wird das sandsteinfarbene Gebäude ab dem Jahr 2016 40 Meter hoch in die Höhe ragen.

Kirche + Synagoge + Moschee

"Haus" ist jedoch der inhaltlich kleinste gemeinsame Nenner für dieses interreligiöse Versuchslabor, das im Sinne von Lessings Ringparabel errichtet wird. "Es gibt ja keinen Namen, der allen Religionen gerecht wird", sagt Hohberg. Also hat man sich zu folgender Gleichung entschieden: Kirche + Synagoge + Moschee = "House of One" oder auch Berliner "Bet- und Lehrhaus".

Imam Kadir Sanci ist überzeugt, dass Berlin ein solches braucht: "Hier leben Menschen aus so vielen Nationen. Wir müssen unsere Religionen besser kennenlernen." Dafür soll es im aus Spenden finanzierten "House of One" einen Begegnungsort geben. "Im Kuppelsaal wird die Verbindung hergestellt, er dient als Brücke", erklärt Rabbiner Tovia Ben-Chorin.

Nicht gleichgemacht

Von diesem gehen dann drei getrennte Räume für die jeweiligen Gottesdienste aus. Die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi haben diese so konzipiert, dass sie zwar ein gleich großes Volumen haben, sich aber in Ausgestaltung und Grundriss unterscheiden.

So soll sichtbar werden, was Kadir Sanci als Leitmotiv für das Projekt beschreibt: "Wir zeigen, dass wir den Glauben des anderen respektieren, aber gleichzeitig unsere eigene Identität nicht aufgeben." Er hat während der Planungen in den vergangenen Jahren auch viele Sorgen gehört: dass die Anhänger einer Glaubensrichtung versuchen könnten, sich über die anderen zu stellen. Oder dass alle Religionen gleichgemacht werden sollen.

Läuft alles nach Plan, soll es in der Begegnungsstätte jedoch noch viel bunter werden. Eines Tages, so die Vision, sollen auch Buddhisten und Katholiken im "House of One" ihren Platz finden. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 6.6.2014)

  • Die "Väter" des Projekts: Pfarrer Gregor Hohberg, Rabbiner Tovia Ben-Chorin, Imam Kadir Sanci (v. li.).
    foto: epa / paul zinken

    Die "Väter" des Projekts: Pfarrer Gregor Hohberg, Rabbiner Tovia Ben-Chorin, Imam Kadir Sanci (v. li.).

  • Das Modell.
    foto: epa / paul zinken

    Das Modell.

Share if you care.