Expertin für ökologisches Bauen

7. Juni 2014, 10:30
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Azra Korjenic prüft bauphysikalische Eignung und Wirtschaftlichkeit

Azra Korjenic wurde die Bauleidenschaft in die Wiege gelegt: "Mein Vater hat mit uns fünf Kindern und meiner Mutter insgesamt drei Häuser gebaut" , erklärt die Expertin für Bauphysik der TU Wien. Auf den spiegelglatten Estrich im Ferienhaus, den sie als HTL-Schülerin selbst verlegt hat, ist sie heute noch stolz.

Erst in Österreich fiel der gebürtigen Bosnierin auf, dass Bauingenieurin eine ungewöhnliche Berufswahl für eine Frau sein könnte. Kurz nach Abschluss ihres Studiums 1992 floh sie aus Sarajewo nach Kroatien. Ihr Freund aus Studienzeiten und heutiger Ehemann machte sie dort über das Rote Kreuz ausfindig und holte sie 1994 nach Wien. "Guten Tag" war damals das Einzige, was sie auf Deutsch sagen konnte.

Die Hände in den Schoß zu legen war noch nie ihr Ding. Sie besuchte einen Sprachkurs für Flüchtlinge, schaute fern, um das Gehör für die Sprache zu trainieren, ließ Zeugnisse nostrifizieren und bewarb sich nach drei Monaten in einem bautechnischen Planungsbüro. Ihr Chef kümmerte sich darum, dass sie neben Deutsch auch den Umgang mit Programmen wie AutoCAD rasch lernte, denn "Computer kannten wir in Bosnien nur aus dem Fernsehen".

Nach sechs Jahren im Tiefbauwesen schrieb sie sich zum Doktorat an die TU Wien ein, wo sie nun seit 13 Jahren mit Praxisbezug selbst lehrt. Gemeinsam mit Thomas Bednar ist sie seit 2011 Professorin am Forschungsbereich für Bauphysik und Schallschutz. Ihr Kommentar dazu: "Wir ergänzen uns hervorragend: Sein Hobby ist die Modell- und Simulationsentwicklung, und ich messe und prüfe mich vom Baustoff über die Konstruktion bis zum Nutzungskontext durch".

Die Forschungsthemen gehen ihr bei der Fülle bauphysikalischer Facetten natürlich nicht aus: Neben Neubau und Sanierung, befasst sie sich mit Schall, Lüftung, Wärme, Feuchte, Brandschutz, Energieflüssen und Wirtschaftlichkeit. Azra Korjenic hat sich auf ökologische und innovative Baumaterialien und -konstruktionen im kombinierten Einsatz sowie die Abschätzung von Kosten und Nutzen spezialisiert.

Nicht nur in Wien, sondern auch mit Projekten an den Technischen Universitäten in Kosice, Brno, Ljubljana, Presov, Sarajevo und Mostar. Wie viele Projekte sie betreut, scheint für sie lediglich eine Frage der Forschungsfinanzierung zu sein. So würde sie gerne das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis von Fassadenbegrünung hinter Fotovoltaikelementen an einer Schule im dichtverbauten Wiener Bezirk Neubau abschätzen: "Mein Fachbereich kann viel dazu beitragen, nachhaltige Gebäude zu errichten".

Nach vielen Jahren harter Arbeit zur Erfüllung der Leistungsvereinbarungen für ihre Laufbahnstelle wird ihr gerade etwas Öffentlichkeit zuteil mit dem Ögut-Umweltpreis in der Kategorie Frauen in der Umwelttechnik und dem VCE-Innovationspreis für Exzellenzforschung im Ingenieurbau.

Sie ist das Organisationstalent in der Familie, bei dem sich Arbeit und Freizeit immer vermischen. Abschalten gelingt beim jährlichen Familienstrandurlaub und im Kino.

Ihre erbliche Vorbelastung für das Bauen hat sie bereits an die nächste Generation weitergegeben: Ihr älterer Sohn besucht gerade die HTL für Bauwesen, der jüngere gab zuletzt Legobauen als Berufswunsch an. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 4.6.2014)

  • Azra Korjenic glaubt an nachhaltiges Bauen.
    foto: aigner/tuwien

    Azra Korjenic glaubt an nachhaltiges Bauen.

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