"Ich hatte mich damit abgefunden, am Omaha Beach zu sterben"

Porträt6. Juni 2014, 05:31
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Harold Baumgarten gehörte zu jenen US-Soldaten, die den 6. Juni 1944 in der Normandie überlebten

Der D-Day beginnt grau und windig und kalt, die Füße sind starr und steif nach drei Stunden Fahrt in dem kleinen Boot. Wenn Harold Baumgarten erzählt, ist es der 6. Juni 1944 um 6.40 Uhr am Morgen, und Baumgarten, ein Teenager aus New York, landet mit der ersten Angriffswelle am Omaha Beach. Mit der "Selbstmordwelle", wie er sie nennt.

Sie sind ausgelaugt, denn mit ihren Helmen mussten sie pausenlos Wasser aus dem Boot schöpfen – und das Erbrochene von Seekranken. Die Pumpe reicht nicht aus bei den meterhohen Wellen im Ärmelkanal. Vor ihnen fährt ein Boot auf eine Mine, Holzplanken und Körperteile fliegen durch die Luft, es regnet Blut. Den jungen britischen Matrosen am Steuer packt die Angst vor weiteren Minen, weshalb er sich nicht dichter an den Strand heranwagt.

Die Klappe, über die dreißig Amerikaner das Boot verlassen sollen, lässt er so früh herunter, dass Baumgarten, knapp einen Meter achtzig groß, bis zum Hals im Wasser steht. Der Mann, der direkt vor ihm über die Rampe gerannt ist, Clarius Riggs aus Pennsylvania, ist tot, noch bevor er das Wasser erreicht. Andere ertrinken, weil die schweren, nassen Uniformjacken, vier Taschen vorn, zwei hinten, sie wie Zentnergewichte zu Boden ziehen.

Brennende Soldaten

Es riecht nach versengtem Fleisch. GIs mit Flammenwerfern verbrennen bei lebendigem Leib, als die Treibstoffkanister auf ihrem Rücken von Kugeln getroffen werden und explodieren. Baumgarten hat Glück: Zunächst bekommt nur sein Helm einen Kratzer ab.

Ungefähr hatte er geahnt, was ihn erwartete. Drüben in England, wo seine Einheit – 29. Infanteriedivision, 116. Regiment, Company B – wochenlang für die Invasion übte, hatten sie Luftbilder studiert. Am Omaha Beach, wussten sie, glich der deutsche Atlantikwall einer nahezu uneinnehmbaren Festung. Am Ufer, nur bei Ebbe sichtbar, Landminen und Spanische Reiter – Stahlkreuze, die die Panzer aufhalten sollten. Überall Stacheldraht. In den Klippen die Bunker mit den gefürchteten Maschinengewehren.

"Ich hatte mich abgefunden mit dem Gedanken, am Omaha Beach zu sterben", sagt Baumgarten. Seiner Schwester Ethel hatte er aus England geschrieben, sie solle das  Telegramm mit der Todesnachricht abfangen und es den Eltern möglichst schonend beibringen.

"Es hat mich erwischt, Mama!"

Irgendwann erreicht Baumgarten die Spanischen Reiter. Plötzlich spürt er, wie das Gewehr in seinen Händen vibriert. Kugeln haben das Magazin getroffen, "das Magazin hat mein Leben gerettet". Er wirft sich zu Boden und sieht, wie Robert Dittmar, 19 Jahre alt wie er selber, schwer verletzt auf eine der Panzersperren zustolpert, noch einen Satz macht und auf dem Rücken landet. "Es hat mich erwischt, Mama! Mutter!", schreit Dittmar, bevor er verstummt.

"Dann taumelt mein Sergeant heran, Clarence Roberson, ohne Helm, auf seiner Stirn ein klaffendes Loch, das blonde Haar blutverschmiert." Roberson kommt noch bis zu einer Betonmauer am Ufer, kniet nieder und beginnt zu beten, einen Rosenkranz in den Händen. Die Salve eines Maschinengewehrs reißt ihn buchstäblich in zwei Teile.

Als Nächstes detoniert im Sand eine Granate, deren Splitter Baumgarten ein Stück der Wange wegreißen und seinen Kiefer links oben zerschmettern. Er kriecht zu der Mauer, an der Roberson gestorben war. Dort liegt auch Robert Garbett, sein bester Freund, mit dem Gesicht nach unten im seichten Wasser. Es war, "als hätten die Wellen die Überreste eines Schiffswracks angespült, wären da nicht die Leichen, die Waffen gewesen". Als Steven Spielberg den Film "Saving Private Ryan" drehte, habe vieles auf der Schlacht an ihrem Abschnitt beruht, Omaha Beach, Sektor Dog Green.

Erinnerung an jedes kleine Detail

Wenn Baumgarten erzählt, klingt er wie ein akribischer Militärhistoriker, der Wert darauf legt, dass jedes Detail stimmt. Er bauscht nichts auf, glorifiziert nichts – und lässt nichts weg, nur weil es sich makaber anhören könnte. Die Namen seiner Kameraden, ihr Alter, sogar ihre Körpergröße – alles hat er auf Anhieb parat, es hat sich eingebrannt in sein Gedächtnis. Um Rache an den Deutschen, sagt er gleich zu Beginn des langen Gesprächs, sei es ihm nicht gegangen. Wohl aber um Würde.

Baumgarten trug eine Tarnjacke, auf deren Rückseite er einen Davidstern malte, dazu die Worte Bronx, New York. Baumgarten ist Jude, er stammt aus der Bronx, an der Highschool dort hat er das Fußballspielen gelernt von jüdischen Mitschülern, deren Familien aus Europa fliehen mussten. Das mit dem Davidstern, sagt er, sei eine Trotzhandlung gewesen. "Ich hatte im Kino gesehen, wie die Deutschen in Frankreich, in Belgien und Holland einmarschierten. Ich sah, wie sie die Juden zwangen, den Stern zu tragen. Ich dachte mir: Dann trägst du diesen Stern auf dem Rücken, das ist deine Antwort."

Eigentlich wollte er zur Luftwaffe, daraus wurde aber nichts, und im Juni 1943 kam der Einberufungsbefehl zur Armee. Baumgartens Einheit wurde an die britische Südwestküste verlegt, in die Nähe von Plymouth. Bevor sie am Abend des 5. Juni 1944 an Bord der Javelin gingen, des Schiffs, das sie mitsamt den Landungsbooten über den Ärmelkanal bringen sollte, gab ihm sein Frend Garbett noch einen praktischen Rat: Zieh die schwere Kampfjacke nicht an, die sie uns vorschreiben wollen. Sie wird sich im Nu mit Wasser vollsaugen und dich nach unten ziehen, du wirst darin ertrinken. "Er war ein alter Mann: Er war fünfundzwanzig. Na ja, als Jungspund hörst du eben auf alte Männer."

"Don’t worry, Yankee Boy"

Vieles lief nicht nach Plan am D-Day. Die Kanonen des Schlachtschiffs Texas, die die deutschen Stellungen ins Visier nehmen sollten, feuerten weit über die Klippen hinweg, ohne den Bunkern Schaden zuzufügen. Von den 16 Schwimmpanzern, die Baumgartens Trupp zugeteilt waren, versanken 14 im Meer, nur zwei erreichten den Strand, wo einer sofort zerstört wurde.

Nachmittags gegen fünf, die Hänge hinauf zum Dorf Vierville-sur-Mer waren inzwischen gestürmt, robbt Baumgarten neben einer Landstraße auf eine Hecke zu, als ein stechender Schmerz durch seinen linken Fuß zuckt. Er ist auf eine Mine getreten, aus der sich eine Kugel löste und den Fuß durchbohrte. In der Nacht kommen sie erneut unter Beschuss, er wird zum fünften Mal verwundet, spritzt sich Morphium, um den Schmerz zu betäuben, und nickt ein. Im Halbschlaf spürt er eine Hand auf seiner Schulter und hört gebrochenes Englisch: "Don’t worry, Yankee Boy, it will be fine." Eine deutsche Patrouille, erfährt er Jahre später, durchsuchte die Uniformen toter Amerikaner nach Zigaretten, entdeckte dabei, dass einer noch lebte – und sprach ihm Trost zu.

In derselben Nacht lesen ihn die eigenen Rettungssanitäter auf. Im August, nach gut zwei Monaten in britischen Lazaretten, ist Baumgarten zurück in der Bronx. Am 14. Februar 1945 sitzt er im Hörsaal der New York University, um sein Studium fortzusetzen: Biologie und Chemie. In den 1950er-Jahren wird er zusätzlich Medizin studieren.

Zurück ins Leben finden

Wie er den Horror des D-Day verarbeitet hat? Ob er bei Psychologen vorsprach? "Du hast es runtergeschluckt", antwortet Baumgarten. "Ich wollte ja zurück ans College, und schon deshalb habe ich den Ärzten nie von Alpträumen oder so etwas erzählt." Seit 40 Jahren lebt er in Jacksonville in Florida, wo er sich als Arzt niederließ und medizinischer Direktor eines Versicherungskonzerns wurde. Baumgarten klingt wunderbar selbstironisch, wenn er von dem Chefschreibtisch bei der Versicherung erzählt – "riesengroß, das sieht man sonst nur im Kino".

Es dauert bis 1984, ehe er in die Normandie zurückkehrt. Vorher konnte er über den D-Day einfach nicht sprechen, nicht einmal mit Rita, seiner Frau. Sobald er es versucht habe, hätten Tränen seine Sätze erstickt. Das ändert sich, als er am 40. Jahrestag der Invasion auf einem Gefallenenfriedhof über dem Omaha Beach steht. "Ich blickte über die Gräber und sagte zu Rita: Niemand wird je erfahren, was das für Menschen waren, wenn ich nicht ihr Sprecher werde." (Frank Herrmann, derStandard.at, 5.6.2014)

  • US-Veteran Harold Baumgarten, am D-Day ein Teenager, später Mediziner.
    foto: pelican publishing company

    US-Veteran Harold Baumgarten, am D-Day ein Teenager, später Mediziner.

  • Ein US-Landungsboot am Omaha Beach bei Vierville-sur-Mer, 6. Juni 1944.
    foto: reuters/robert f. sargent/us national archives

    Ein US-Landungsboot am Omaha Beach bei Vierville-sur-Mer, 6. Juni 1944.

  • US-Nachschub am Omaha Beach bei Vierville-sur-Mer, 6. Juni 1944
    foto: reuters/cpt herman wall/us national archives

    US-Nachschub am Omaha Beach bei Vierville-sur-Mer, 6. Juni 1944

  • Nach wenigen Tagen hatten die Alliierten die Deutschen vom Küstenabschnitt vertrieben und dort einen improvisierten Hafen angelegt.
    foto: reuters/u.s. navy

    Nach wenigen Tagen hatten die Alliierten die Deutschen vom Küstenabschnitt vertrieben und dort einen improvisierten Hafen angelegt.

  • Die Landung der Alliierten in der Normandie gilt als wichtiger Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.
    foto: apa

    Die Landung der Alliierten in der Normandie gilt als wichtiger Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.

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