Tausende fliehen vor Gewalt in der Ostukraine

4. Juni 2014, 18:07
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Kiew: 300 Tote in 24 Stunden - Kosaken sollen OSZE-Beobachter entführt haben

Kiew/Moskau - Übergangspräsident Alexander Turtschinow ist am Mittwoch in Slawjansk eingetroffen, um die von Kiew befohlene "Anti-Terror-Aktion" in der Ostukraine persönlich zu lenken. Die Kämpfe um das Zentrum des prorussischen Aufstandes haben in den letzten Tagen an Härte gewonnen: Die Separatisten vermeldeten den Abschuss von drei Hubschraubern. Oxana Mandryko, eine Sprecherin der Rebellen in Slawjansk, erklärte, ein Flugzeug sei abgeschossen worden. Die Opferzahl steigt stetig, am Mittwoch war von 300 Toten die Rede.

Meldungen über die Erstürmung einer Grenzstation in Luhansk schienen sich am Mittwoch zu bestätigen. Auf einem Video ist zu sehen, wie Bewaffnete die ukrainische Flagge auf dem Stützpunkt herunterreißen. Die Gefechte um den Kontrollpunkt hatten drei Tage gedauert. Laut der ukrainischen Armee waren auch russische Kosaken an dem Sturm beteiligt. Kiew wirft Moskau vor, Waffen und Kämpfer über die Grenze zu schmuggeln, was der Kreml allerdings dementiert.

Die Aufständischen sind allerdings nach Anfangserfolgen derzeit in die Defensive gedrängt: Am Dienstag hatte es die bis dahin schwersten Gefechte um Slawjansk gegeben. Dabei gelang der Nationalgarde die Einnahme der Kleinstadt Krasyn Liman, eines Vororts von Slawjansk, während die Separatisten schwere Verluste erlitten: "Was die bewaffneten Kämpfer betrifft, so hat die Zahl der Getöteten etwa 300 erreicht, die der Verletzten etwa 500", sagte der Sprecher des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Wladislaw Selesnjow. Die eigenen Verluste bezifferte er auf zwei Tote und 45 Verletzte.

Beide Seiten werfen einander dabei schwere Kriegsverbrechen vor, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten. Wegen der andauernden Gewalt sind in der Region Zehntausende auf der Flucht, darunter auch viele Kinder. Allein die Großstadt Slawjansk soll nach Angaben des "Volksbürgermeisters" Wjatscheslaw Ponomarjow rund die Hälfte ihrer Einwohner verloren haben.

OSZE unter Druck

Die Gewalt richtet sich auch gegen Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE): Gleich drei Teams wurden in der vergangenen Woche zum Ziel von Übergriffen. Erst eines ist inzwischen wieder frei.

Von den anderen beiden Teams gibt es widersprüchliche Nachrichten. Laut OSZE-Generalsekretär Lamerto Zannier geht es den Festgehaltenen gut. "Wir wissen, wo sie sind, sie leben, und es geht ihnen gut", sagte er. Michail Bociurkiw, Sprecher der Beobachtermission, sagte hingegen, dass es weder einen direkten Kontakt gebe noch der Aufenthaltsort der Beobachter bekannt sei.

Separatisten und Kiewer Führung geben sich gegenseitig die Schuld an den Entführungen: Der ukrainische Geheimdienst SBU teilte am Mittwoch mit, dass russische Kosaken das seit dem 29. Mai verschwundene vierköpfige OSZE-Team gekidnappt hätten. Zwar hatten die Rebellen erst selbst die Festnahme der OSZE-Mitarbeiter als vermeintlicher Spione gemeldet. Inzwischen sagte Denis Puschilin, einer der Anführer der Separatisten, aber, die Beobachter seien ein "Leckerbissen für unseren Gegner: Sie können sie entführen und dann alles auf uns abwälzen." Er könne daher für die Sicherheit nicht garantieren. (André Ballin, DER STANDARD, 5.6.2014)

  • Zivilisten suchen in Slawjansk in einem Keller Schutz vor Luftangriffen der ukrainischen Armee.
    foto: ap/vadim ghirda

    Zivilisten suchen in Slawjansk in einem Keller Schutz vor Luftangriffen der ukrainischen Armee.

  • Flüchtlinge aus Slawjansk werden in der Kantine des ostukrainischen Makijiwski-Chemiewerks versorgt.

    Flüchtlinge aus Slawjansk werden in der Kantine des ostukrainischen Makijiwski-Chemiewerks versorgt.

  • Kein Ende der Gewalt: Nach dem Sturm auf eine Militärbasis in Luhansk sammeln Milizionäre Waffen.
    foto: apa/ epa / valentina svistunova

    Kein Ende der Gewalt: Nach dem Sturm auf eine Militärbasis in Luhansk sammeln Milizionäre Waffen.

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