Jüngere fallen deutlich zurück

Analyse4. Juni 2014, 18:12
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Die Reallöhne sind um ein Zehntel niedriger als 2001 - Experte: Das Sozialsystem hilft den Älteren, Jüngere bleiben in prekären Jobs gefangen

Wien - In der Debatte um Ungleichheit ziehen Politiker und Ökonomen einen tiefen Graben durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die "Reichen", auf der anderen Seite die "99 Prozent". Doch auch feinere Trennlinien verlaufen durch die Bevölkerung. "Die Debatte zur Generationengerechtigkeit kommt in der öffentlichen Diskussion zu kurz", kritisiert etwa der Ökonom Pieter Vanhuysse, der am European Centre in Wien forscht. Denn die ungleichere Verteilung ist auch davon geprägt, dass die Jungen stärker abgehängt werden.

Im Euroraum etwa ist die Jugendarbeitslosigkeit gut 14 Prozentpunkte höher als die gesamte Arbeitslosigkeit, junge Menschen sind damit mehr als doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Kluft beschränkt sich nicht nur auf Spanien oder Griechenland, wo die Raten der Jugendarbeitslosigkeit bei 53,5 und 57 Prozent liegen.

"In Südeuropa besteht aber eine regelrechte Spaltung des Arbeitsmarktes in Junge und Alte", betont Thomas Horvath, Arbeitsmarktexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Auf der einen Seite gibt es gar keine oder befristete Arbeit, auf der anderen noch relativ guten Schutz.

"Vernarbung"

Dabei wirkt sich Arbeitslosigkeit in jungen Jahren noch lange aus, "Vernarbung" nennen das Ökonomen. Auch Jahrzehnte später spüren Menschen, die früh in ihrem Leben arbeitslos waren, die negativen Folgen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung warnt etwa in ihrem Aktionsplan zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit, "dass die Effekte der Vernarbung die langfristige Karriereentwicklung und die künftigen Einkommen von jungen Menschen aufs Spiel setzen".

Fast zynisch liest sich da eine aktuelle Studie der Wirtschaftsforscher Louis Chauvel von der Universität Luxemburg und Martin Schröder von der Universität Marburg ("Generational Inequalities and Welfare Regimes"). Demnach muss man oft schlicht Glück haben, wenn man als junger Mensch auf den Arbeitsmarkt kommt. Gerade die Staaten in Süd- und Zentraleuropa gleichen die Chancenungleichheit von schwachen Arbeitsmärkten weniger gut aus als etwa die Länder Nordeuropas.

Atypisierung der Arbeit

In Österreich ist die Situation etwas anders. Hierzulande ist die Jugendarbeitslosigkeit nicht dramatisch hoch wie in Spanien oder Griechenland. Doch "gerade für jüngere Menschen geht der Trend zu einer Atypisierung in der Arbeitswelt", bestätigt Wifo-Ökonom Horvath. Die Befristungen von Arbeitsverträgen werden tendenziell länger, die Wahrscheinlichkeit von fragmentierten Arbeitsbiografien mit zwischenzeitlicher Erwerbslosigkeit, vielen Praktika oder Teilzeitbeschäftigung steigt.

Zudem zeigt eine Auswertung der Statistik Austria auf Standard-Anfrage, dass sich die Einkommen gerade der jüngeren Altersgruppen deutlich schwächer entwickeln als für Ältere. Ganze zehn Prozentpunkte an Reallohneinbußen haben die 20- bis 29-Jährigen zwischen 2001 und 2012 hinnehmen müssen, zeigen die Daten. Die Altersgruppen von 40 bis 59 konnten ihr Einkommensniveau fast halten. Die Reallohneinbußen waren für die jüngeren Beschäftigen im Durchschnitt 2,5-mal so groß.

Ältere kriegen erstmals mehr

Dazu kommt noch die Kluft beim Pensionssystem. Österreichs Wirtschaftspolitik habe einen klaren "pro-elderly bias" - eine Schlagseite, Pensionisten zu bevorzugen -, sagt Pieter Vanhuysse und bezieht sich dabei auf eine Studie, die er für die Bertelsmannstiftung verfasst hat. Immer mehr Geld werde für Pensionen oder Pflege aufgewendet, während Zukunftsinvestitionen, etwa für Bildung stagnieren.

"Jedes Monat an längerer Lebenserwartung wird derzeit als Bonus in der Pension konsumiert", kritisiert Vanhuysse einen Trend, den er für "nicht nachhaltig" hält. In einem von ihm konstruiertem Index zu Generationengerechtigkeit rangiert Österreich auf dem 20. Platz von 29 Ländern.

Das ist theoretisch nicht schlimm, ließe sich einwenden. Schließlich gibt es abseits des Staates ja noch Transferzahlungen, etwa wenn Großeltern ihre Enkeln während der Schul- und Studienzeiten finanzieren. Doch Vanhuysse betont, dass aktuelle Studien, die die Entwicklung von Alterskohorten über die Zeit analysieren, zeigen: "Auch abzüglich der privaten Zahlungen bekommen ältere Menschen in Ländern wie Deutschland oder Österreich mehr aus dem System heraus, als sie einzahlen. Und das ist historisch einmalig." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 5.6.2014)

  • Jüngere haben es in Österreich immer schwieriger.
    foto: dpa/kalaene

    Jüngere haben es in Österreich immer schwieriger.

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