Mozartfest Würzburg: Durchreise mit Spätfolgen 

4. Juni 2014, 17:09
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Der Freistaat Bayern hat nicht nur Wagner in Bayreuth zu bieten, sondern auch Mozart in Würzburg

Wer vorbeifährt, muss hinschauen, wer Station macht, bliebe gerne länger. Eine eindrucksvolle Festung thront über der Stadt. Unten beherrschen die Kirchtürme das Bild. Die gewaltige, von Balthasar Neumann gebaute barocke Residenz der einst regierenden Erzbischöfe rahmt die Stadt von der anderen Seite ein. Das klingt nicht nur wie die deutsche Ausgabe einer Mozartstadt - das ist auch eine. Zumindest im Juni, wenn überall die Fahnen des Mozartfestes wehen, das in Würzburg seit 1921 stattfindet. In Bayern gibt's eben nicht nur Bayreuth mit seinen Wagner-Festspielen.

Während dieses deutsche Familienunternehmen quasi von selbst läuft, muss sich Intendantin Evelyn Meining mit ihrem Miniteam in Würzburg mächtig ins Zeug legen, um knapp die Hälfte des 1,7 Millionen Euro Budgets, das der Freistaat Bayern eher symbolisch unterstützt, über den Kartenverkauf einzuspielen. Wobei das Mozartfest mit 25.000 angebotenen Karten für mehr als 60 Konzerte bis Ende Juni durchaus eine ansehnliche Größe hat.

Für die heuer erstmals als Intendantin berufene langjährige Musikdirektorin des Rheingau-Musikfestivals ist das Mozartfest ausdrücklich kein klingendes Museum. Nicht nur dass im laufenden Programm Mozart bewusst mit der Moderne konfrontiert wird - sie hat dem Konzertprogramm für vier Tage auch ein "Mozart-Labor" hinzugefügt, das diesen Namen tatsächlich verdient.

Mozart-Diskurs

Hinter den hohen Mauern des Klosters Himmelspforten tagt sonst die Deutsche Bischofskonferenz. Das ist alles nobel gemacht, aber nicht nur für einen Bischof wie in Limburg, sondern als Begegnungsstätte. Der ideale Ort für das Zusammentreffen junger Musiker mit Komponistengrößen wie Wolfgang Rihm und Jörg Widmann (als Laborleiter) oder renommierten Musikwissenschaftern. Die musizieren nicht nur zusammen, sondern widerlegen in obendrein unterhaltsamer Weise bei Podiumsdiskussionen aufs Schönste selbst die eigene These, dass man über Musik eigentlich nicht reden kann.

Auch Philosoph Peter Sloterdijk wird sich am Mozart-Diskurs beteiligen. Für ein verbales Crescendo beim Reden über Mozart und sein Bild in den Spieglungen der Zeitgenossen und der Nachwelt ist also gesorgt.

Wolfgang Rihm, dem bei den Salzburger Festspielen einer der Kontinente gewidmet war, als bedeutendsten lebenden deutschen Komponisten anzukündigen ist zulässig, auch wenn einem da noch ein paar andere Namen einfallen würden. Einer davon ist er sicherlich.

Wird der Bariton Christian Gerhaher als der beste Liedinterpret der Gegenwart begrüßt, dann ist die Zustimmung allgemein groß. Seit seinem Prinzen von Homburg im Theater an der Wien und seinem Wolfram im Tannhäuser an der Staatsoper weiß man in Wien, dass diese außerordentlichen Qualitäten auch seine Bühneninterpretationen zu etwas Besonderem machen.

Rihm, Schubert, Goethe

In Würzburg krönte er das Mozartfest mit einem Liederabend im Prunksaal der Residenz, den man über das Stiegenhaus mit dem grandiosen Tiepolo-Deckenfresko erreicht. Wenn hier mit diesem Ausnahmesänger und seinem kongenialen Begleiter Gerold Huber eine Auswahl von Schubert-Liedern zu Goethe-Texten auf dem Programm steht, in die eine Uraufführung der Wolfgang Rihm-Vertonung der sperrigen Harzreise im Winter integriert ist, dann sind alle Voraussetzungen beisammen, dass ein magischer Moment entsteht, in dem sich alle Künste vereinen, das Erbe der Vergangenheit lebendig wird und in die Zukunft weist.

Schubert dergestalt mit Rihm zu kombinieren hat nichts von einer Anmaßung. Rihms Kompostion fühlt sich in den Ausnahmetext ein, folgt der Sprache. Er serviert Goethes Selbsterforschung, die bei seiner abenteuerlichen Brockenbesteigung im Winter 1777 entstand, ohne jede Verschreckungsattitüde als eine dezidiert klassische Komposition eines freien Gesangs von heute.

Und Gerhaher, der sich das gewünscht hatte, ist der denkbar beste Interpret. Er erweist sich erneut als der Glücksfall für den Liedgesang nach Fischer-Dieskau schlechthin. Neu und frisch, intelligent und durchreflektiert, mit betörendem Timbre und technischer Virtuosität, dabei ohne jede Manieriertheit. So überstrahlt denn ein Abend im Weltklasseformat den aktuellen Jahrgang eines traditionsreichen Festivals, das allemal Aufmerksamkeit verdient. (Joachim Lange aus Würzburg, DER STANDARD, 5.6.2014)

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