Boko Haram: Mit Bomben gegen westlich geprägte Bildung

Hintergrund4. Juni 2014, 13:51
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Mit der Entführung von 200 Schülerinnen rückte die radikal-islamische Organisation in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit. In Nigeria wüten ihre Kämpfer aber schon lange

Anschläge, Attentate und Entführungen - im Norden Nigerias schon beinahe Alltag. Alle paar Tage ereignet sich irgendwo im afrikanischen Land ein neuer Angriff der radikalislamischen Boko Haram. Mehr als 1000 Menschen sind in diesem Jahr bereits Attentaten der Gruppe zum Opfer gefallen. Doch mit der Entführung von 200 Schülerinnen im April schockierte Boko Haram erstmals sogar eine große Öffentlichkeit im Westen.

Und trotzdem ist über Struktur, Finanzierung und Kontakte der radikalen Islamisten nach wie vor wenig bekannt. Sogar die gängige Übersetzung des Namens, den die Bewohner des Nordens der Gruppe gegeben haben, ist umstritten.

Der offizielle Name der Organisation lautet "Jama'atu Ahlis Sunna li-d-Da'awati wa-l-Jihad", Arabisch für "Vereinigung der Anhänger der Sunna für die Verbreitung der Lehren des Propheten und des Jihad". Die Gruppe propagiert eine extremistische Auslegung des Islam, die es “haram”, also verboten für Muslime macht, irgendeine politische oder soziale Tätigkeit westlicher Prägung auszuführen. Darunter fallen Wahlen, Hemden und Hosen zu tragen ebenso wie eine westlich geprägte Ausbildung.

Britische Kolonie

Ihr Markenzeichen waren zu Beginn Angriffe Bewaffneter auf Motorrädern gegen Polizisten, Politiker oder Personen, die ihnen kritisch gegenüber waren - darunter auch islamische Gelehrte. Das Ziel ihrer Taten ist der Sturz der Regierung, die von den islamistischen Kämpfern als ungläubig angesehen wird.

Die Wurzeln des Konfliktes liegen in der britischen Eroberung des Kalifats Sokoto im Jahr 1903, das ursprünglich Nord-Nigeria, Niger und Süd-Kamerun umfasste.

Speziell die von der Kolonialmacht verordnete westlich geprägten Schulen stießen auf Widerstand in der lokalen Bevölkerung, der bis heute nachhallt. Christliche Missionare nutzten die westlichen Erziehungsmodelle um das Evangelium zu verbreiten, weswegen das säkulare Schulmodell bis heute von vielen mit Misstrauen beäugt wird.

Jugendorganisation

Darauf berief sich auch Boko Haram bei ihrer Gründung und den bis heute andauernden gewaltsamen Kampagnen gegen westlich geprägte Schulausbildung in Nigeria.

Die Ursprünge der Gruppe liegen in der seit Mitte der 90er Jahren operierenden muslimische Jugendorganisation namens Shabaab im Norden Nigerias. Als der damalige Anführer Mallam Lawal die Führung der Gruppe abgab, übernahm der radikale Kleriker Mohammed Yusuf, der die Gruppe stärker politisierte aber auch bekannter und beliebter in der Region machte. 2002 gründete er schließlich Boko Haram in einem aus einer Moschee und einer religiösen Schule bestehenden Gebäudekomplex. Die islamisch geprägte Schule fand schnell Anklang bei der Bevölkerung- vor allem bei ärmeren und religiös-konservativen Familien aus Nigeria und angrenzenden Ländern.

Islamisches Emirat

Erziehung und Ausbildung sollten für Boko Haram aber nur der Grundstein für ein noch größeres Projekt sein: die Errichtung eines islamischen Emirates frei von westlichen Einfluss. Die Schule war nicht nur Ausbildungsstätte sondern auch Nährboden für Jihadisten, denn neben Unterrichtsmaterial sammelten die Islamisten auch Waffen und Sprengstoff.

Der bis dahin primär politisch ausgetragene Konflikt eskalierte 2009, als Boko Haram eine Reihe von Angriffen gegen Polizeistationen und Regierungsgebäude in Maiduguri - der urbanen Basis der Islamisten - durchführte. Bei den folgenden Kämpfen wurden hunderte Unterstützer der Gruppe getötet, tausende Menschen flüchteten. Den Sicherheitskräften gelang es, das Hauptquartier zu stürmen und Yusuf zu töten. Seine Leiche wurde im Staatsfernsehen zur Schau gestellt, Boko Haram für vernichtet erklärt.

Bombenkampagne

Doch die Ansage kam zu früh. Unter ihrem neuen Anführer Abubakar Shekau formierte sich Boko Haram neu. Seither operiert die Führungsschicht im Untergrund. Auch die Kommandostruktur und die Finanzierung der Organisation liegt im Dunkeln. Vermutet wird, dass die Gruppe nicht nur durch Spenden sondern vor allem auch durch kriminelle Aktivitäten zu ausreichend Geld kommt. Entführungen sind Teil des Geschäftsmodells.

Seit 2010 beschränkt sich Boko Haram auch nicht mehr nur auf Ziele im Norden des Landes: Bombenanschläge auf Kirchen, Bars, Einrichtungen von Militär und Polizei und sogar das UN-Hauptquartier in der Hauptstadt Abuja gehen auf das Konto der radikalen Islamisten.

Die nicht enden wollenden Kämpfe mündeten schließlich darin, dass sich Nigerias Präsident Goodluck Jonathan gezwungen sah, Mitte 2013 - vier Jahre nach der angeblichen "Vernichtung" von Boko Haram - den Notstand über Borno, Yobe und Adamwa, drei nördlichen Provinzen des Landes, wo Boko Haram am schlimmsten wütete - zu verhängen.

Korruption und soziale Ungleichheit

Die Regierung hat sich dabei weder militärisch noch politisch geschickt verhalten. Dem als charismatisch geltenden Boko-Haram-Gründer Yusuf machte man es mitunter sogar sehr einfach. Viele - vor allem Jugendliche - sahen wie der Erdölreichtum des Landes auf eine kleine Elite mit Selbstbediengsmentalität aufgeteilt wurde. Yusuf und später sein Nachfolger Shekau sprachen gezielt und gekonnt arbeitslose Jugendliche an, indem sie gegen Polizei und politische Korruption wetterten.

Auch militärisch ging man von Regierungsseite nicht unbedingt geschickt vor. Nigeria verlegte Truppen nach Maiduguri. Als Resultat zogen sich viele Kämpfer in die weitläufigen Sambisa-Sümpfe an der Grenze zu Kamerun zurück. Von dort verbreiten die Kämpfer Angst und Schrecken unter der Bevölkerung im Norden, durch Angriffe, Plünderungen und dem Niederbrennen von Eigentum - als Warnung gegenüber jedem, der mit der Regierung zusammenarbeiten will.  (Stefan Binder, derStandard.at, 4.6.2014)

  • Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau.
    foto: ap photo/file

    Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau.

  • Weltweiter Proteste (im Bild: Demontranten in Südafrika) gegen die Entführung von 200 Schülerinnen durch die Boko Haram.
    foto: epa/nic bothma

    Weltweiter Proteste (im Bild: Demontranten in Südafrika) gegen die Entführung von 200 Schülerinnen durch die Boko Haram.

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