Historiker gegen rechte Vereinnahmung von 1848

4. Juni 2014, 11:10
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Österreichische Historiker wenden sich gegen eine "Inanspruchnahme des historischen Erbes der bürgerlichen Revolution von 1848 durch rechtsradikale Splittergruppen"

Wien - "Mit Empörung" protestieren österreichische Historiker gegen die "Inanspruchnahme des historischen Erbes der bürgerlichen Revolution von 1848 durch rechtsradikale Splittergruppen". Die "gesamteuropäische Revolution von 1848" sei die "Geburtsstunde unserer heutigen modernen Gesellschaft", heißt es in einer Stellungnahme anlässlich des burschenschaftsnahen "Fests der Freiheit" am Mittwoch.

Das "Fest der Freiheit" wird vom Verein "Forschungsgesellschaft Revolutionsjahr 1848" abgehalten. Gegen die Veranstaltung sind Proteste von linker Seite angekündigt - aber auch die Organisatoren des Fests selbst haben eine Demonstration angemeldet.

Unterzeichner

Unterzeichnet ist die Historiker-Stellungnahme von den Uni-Professoren Helmut Konrad und Dieter Binder (beide Uni Graz) sowie dem Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Wolfgang Maderthaner. Sie machen darauf aufmerksam, dass 1848 "von Frankreich bis an die Grenzen des zaristischen Russland, von Berlin über Wien bis Palermo überall dieselben Forderungen erhoben wurden: konstitutionelle, parlamentarische Staatsstrukturen, Gewährung der bürgerlichen Freiheitsrechte, Aufhebung der bäuerlichen Untertänigkeit, nationale Selbstbestimmung, Demokratie und soziale Sicherheit."

Ende des Feudalismus

1848 habe das endgültige Ende des Feudalismus und das Bürgertum an die Macht gebracht sowie erste Ansätze sozialer Gesetzgebung und lange überfällige Strafrechtsreformen, schreiben die Historiker. Rede-, Versammlungs- und Medienfreiheit, Republik, Demokratie und Verfassungsstaat seien direktes Erbe dieses Jahres. "Und doch haben sich in dem 'Völkerfrühling' der Revolution bereits auch die ersten Momente jenes nationalen Wahns gezeigt, der Europa im 20. Jahrhundert so grauenvoll devastieren sollte. Wenn wir heute, mit vollem Recht, die Ereignisse des Jahres 1848 als die eigentliche Basis des europäischen Einigungsprozesses und als die Grundlage der Herausbildung einer gemeinsamen europäischen Tradition betrachten, so gilt es vor allem auch eine zentrale Lehre zu ziehen: Wir dürfen unter keinen Umständen zulassen, dass sich eine autoritäre, demagogische und populistische Rechte dieses Erbes erneut bemächtigt." (APA, 4.6.2014)

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